Gudrun Lerchbaum: Wo Rauch ist

P1030657Selten habe ich einen so inhomogen erscheinenden Kriminalroman gelesen, der aber am Ende dann doch – fast – wie aus einem Guss erscheint.

Es sind die Komponenten, die auf Personen, Sachverhalte und Entwicklungen bezogen, vordergründig nicht zusammenpassen.

Das sind:

  1. Ein skurriles Trio um die an MS-erkrankte Rollstuhl fahrende Hauptperson, die ehemalige Revoluzzerin und heutige Buchhändlerin Olga, mit ihrem Gehilfen Adrian, dem sensiblen, philosophierenden Trauerredner, und Olgas ausgeflippter Assistentin Kiki, einer Frau mittleren Alters, die bereits eine Haftstrafe wegen Mordes abgesessen hat. Olga versucht mit Hilfe der beiden aufzuklären, dass ihr Ex-Mann ermordet wurde und nicht eines natürlichen Todes gestorben ist. Die Darstellungen und Handlungsweisen dieses Trios mutet so grotesk an, dass man denkt, einen Krimi zu lesen, der den Titel „Apfelstudel und Joint“ tragen könnte und bei denen komische Elemente der wesentliche Teil der Handlung seien.
  2. Multiple Sklerose, am Beispiel des Verlaufs bei Olga im fortgeschrittenen Stadium, wird von Gudrun Lerchbaum mit einer Ausführlichkeit beschrieben, die zwar lesenswert ist, jedoch an keiner Stelle des Romans die Handlung vorantreibt.
  3. Der tote Journalist Can mit türkischen Wurzeln, war einem Skandal mit bedeutendem politischen Ausmaß auf der Spur. Es wäre kein Wunder gewesen, wenn die, über die er berichten wollte, sein Leben beendet hätten.
  4. Die Verquickung von türkischem Geheimdienst, der Türken und Türkischstämmigen außerhalb der Türkei bespitzelt, mit den rechtsradikalen Kräften in Ländern wie Österreich und Deutschland ist ein weiteres Thema dieses Buches. Verschwörungstheoretiker werden diese Komponente lieben.
  5. Gudrun Lerchbaum versäumt es dabei nicht, immer wieder den Rechtsruck und das damit verbundene Agieren in Österreichs Regierung zu benennen und zu rügen.
  6. Letztlich geht es um die Familienehre im Kreis von Cans Eltern, Schwester und anderen Verwandten sowie Freunden und somit um eines der immer wieder einmal auftretenden Themen, die wir der moslemischen Kultur zuordnen.

An diesen sechs Punkten ist die Komplexität des Roman zu erkennen. Selbstverständlich gehören zum Personal auch ein Kommissar und eine Kommissarin und weitere Personen, die mutmaßlich der einen oder anderen Seite von Cans potenziellen Widersachern zuzuordnen sind. Das alles ist von Gudrum Lerchbaum geschickt verknüpft und alles erschiene für mich als Leser perfekt, wenn da dieser  siebte Punkt nicht wäre: Der Tod Cans, der sichtbar kein allergischer Schock war, der den Anfang der Story im weiteren Verlauf unglaubwürdig erscheinen lässt. Aber das ist möglicherweise auch  mit der Verschwiegenheit des türkischen Familienclans zu erklären. Und deshalb müssen Olga & Co zunächst in ihren Ermittlungen bei Null anfangen, über Leichen gehen, selbst fast zu einer solchen werden, bis das so triviale Motiv und die Täter gefunden sind.

Wo Rauch ist“, ist kein geschliffenes Cozy-Werk, auch wenn es zunächst mit dem Auftreten von Olga, Adrian und Kiki so erscheint. Als Leser darf man sich an Brüchen und Kanten reiben. Das macht diesen Krimi zu einem lesenswerten Unikat.

— O —

Gudrun Lerchbaum: Wo Rauch ist

erschienen 2018 bei Ariadne im Argument Verlag

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Eine Antwort zu Gudrun Lerchbaum: Wo Rauch ist

  1. Dunkles Schaf schreibt:

    Ich freu mich, dass das Buch für Dich doch noch funktioniert hat und Dich packen konnte!

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