Leonard Pitts jun.: Grant Park

Ich habe die Nase voll vom Bullshit der Weißen, ich bin es leid.“ P1030654Das ist der Kernsatz eines Artikels, den der schwarze Journalist Malcolm Toussaint hinter dem Rücken seines Redakteurs in die Chicago Post am Tag der Präsidentschaftswahl 2008 in den USA platziert – und ihn seinen Job kostet.

Der Jobverlust scheint knapp eine Stunde später nur das kleinere Übel, denn der Journalist wird entführt von zwei weißen Losern, die an diesem Tag Großes vorhaben. Als Hasser der schwarzen Bevölkerung wollen sie verhindern, dass Barak Obama, den die Meinungsumfragen als Sieger der Wahl prophezeien, das Amt des Präsidenten antritt. Geplant ist ein Attentat im Grant Park, der Stätte, an der Obama in Falle seiner Wahl eine Siegesrede halten wird. Toussaint soll dabei sein, als Trophäe bei einem groß angelegten grausamen Event.

Der Journalist hatte 40 Jahre zuvor Martin Luther King kennengelernt. Doch während King auf einem gewaltfreien Prozess zur Überwindung von Rassenhass und – diskriminierung setzt, vertraut der junge Toussiant der „Black Power“, der Erreichung der Ziele durch Gewalt.

Auf zwei zeitlichen Ebenen – 1968 und 2008 – erzählt Leonard Pitt jun., was Toussiant heute desillusioniert und damals bewegte, als er sich von seinem alten Namen trennte und sich nach seinen Idolen, Malcolm X sowie dem Anführer der Zurück-nach-Afrika-Bewegung Marcus Garvey und besonders Toussaint L’Ouverture, einem Schwarzen, der gegen Napoleon während der haitianischen Revolution gekämpft hat, nannte: Malcolm Marcus Toussaint. Doch nach dem Zusammentreffen und einem Gespräch mit Martin Luther King mutiert der Anhänger der Black-Power-Bewegung zum friedlichen Streiter für die Rechte und die Anerkennung der Schwarzen, gegen Rassismus. Dafür setzt er sich vier Jahrzehnte als geachteter Journalist ein, bis es zu diesem Wahltag kommt, an dem er seine Verbitterung darüber, dass sich zu wenig geändert hat und er kein Vertrauen in die Meinungsumfragen zur Wahl hat, in der Chicagoer Post veröffentlicht.

Das Prinzip Hoffnung“ – so der Titel von Thomas Wörtches Nachwort zu „Grant Park“ hat sich somit für Toussaint erledigt. Für die beiden Weißen, die ihn als Geiseln genommen haben, gilt es noch. Im Irrglauben, die USA vor der scheinbaren bevorstehenden Machtübernahme durch „Nigger, Juden, Moslems etc, etc …“ und gar einem schwarzen Präsidenten verhindern zu können, haben sie Hoffnung.

Diese fiktive Geschichte, die in zwei schmalen Zeiträumen realer Vergangenheit angesiedelt ist, strotzt vor Spannung, denn die Aussicht auf ein Showdown im Grant Park wird von Pitts jun. mit sich geschickt steigernder Dramatik aufgebaut. Und da wir wissen, dass Obama seine Siegesrede unter tosendem Beifall lebend beendet und anschließend das Präsidentenamt angetreten hat, fragt man sich bei der Lektüre „Was ist passiert, dass im Grant Park dieses Attentat nicht passierte?“ Die Antwort – aus Sicht der beiden potenziellen weißen Attentäter – ist: “Die Hoffnung stirbt zuletzt – aber sie stirbt.“

Thomas Wörtche hat im Nachwort Pitts Kriminalroman in Zusammenhang gebracht mit den historischen und politischen Verhältnissen der USA in jener Zeit zwischen dem Wirken von Martin Luther King bis zur Wahl Barack Obamas, hat die Ergebnisse des Abbaus der Rassenschranken gar in Beziehung gesetzt zur neuen „Trump-Zeit“. Der äußerst fundierte und lesenswerte Artikel von Thomas Wörtche ist verfügbar im CULTURMAG unter dem Titel „Das Prinzip Hoffnung“.

Empfehlung: Unbedingt LESEN (Grant Park sowieso und ebenso Wörtches Artikel)

— O —

Leonard Pitts jun: Grant Park, herausgegeben von Wolfgang Franßen im Polar Verlag, 2018, übersetzt von Gabriele Werbeck und Andrea Stumpf

 

 

 

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