Unglaublich, aber nahe der Wahrheit: Dominique Manotti – Kesseltreiben

P1030652Wenn Dominique Manotti in einer Vorbemerkung zu ihrem Wirtschaftsthriller schreibt, dass dieser Roman sehr frei inspiriert sei von der „Alstom-Affäre“ – Alstom, jenem ehemals französischen Energie- und Bahntechnikkonzern, dessen Energietechniksparte nach dubiosen „Fusionsverhandlungen“ von General Electric übernommen wurde – so stimmt das. In Frankreich wird noch heute über die „nationale Niederlage“ bei diesem Deal lamentiert. Dabei sind die Praktiken der Unternehmen bekannt, auch das Gelingen staatlicher Einflussnahme oder die Ohnmacht bei derartigen Versuchen. Frankreich sollte jedoch mit diesem Lamentieren aufhören, da es anderseits etliche Beispiele aus der Pharma- und der Nahrungsmittelindustire gibt, nationale Interessen durchzusetzen, geschützt durch gesetzliche Regelungen oder gestützt von politischer Einflussnahme.

Dominique Manotti zeigt in Kesseltreiben die Gemengelage bei einem solchen „Geschäftsvorgang“ auf, bei dem verschiedenste Interessen vertreten sind und auch mit illegalen Mitteln durchzusetzen versucht werden. In Kesseltreiben wird dabei aus dem banalen Vorgang einer Firmenübernahme nicht nur ein Geschäftsmodell, das durch Korruption zum Erfolg geführt, bei dem auch gegnerisches Personal eingeschleust wird und Verleumdung eine große Rolle spielt. Alles nur Teil des Tagesgeschäfts! Trotzdem interessant für Leser, die bisher wenig Einblick in das Milieu hatten. Noch interessanter wirken jedoch die Bemühungen des jeweiligen Staates, vertreten durch Minister und deren Vasallen sowie durchaus auch durch gewisse Dienste auf der einen Seite, die Übernahme zu blockieren, auf der anderen Seite dafür zu sorgen, dass sie vollzogen wird. Karrieren und Menschen werden dabei zerstört. Manch einer wird zum Profiteur, startet eine unglaubliche Karriere oder schwimmt anschließend in Geld.

Selbst wenn, wie in Kesseltreiben erzählt, eine „Nachrichtendienstliche Abteilung zum Schutze der wirtschaftlichen Sicherheit“ existiert, scheitern deren Ermittler, an naiven unfähigen, falsch informierten, vor Arroganz strotzenden oder korrupten Politikern, denen sie Informationen über Gefährdungspotenziale zuleiten.  So kümmert es niemanden in den Ministerien von Bercy, dass der Manager des französischen Energiekonzerns Orstam bei der Einreise in die USA verhaftet wird. Commandant Noria Ghozali von oben erwähnter „Nachrichtendienstlichen Abteilung zum Schutze…“ staunt, als auch Orstam nichts unternimmt, um ihren Manager juristisch zu unterstützen.

Die Übernahme gelingt, Verleumdungen stellen sich als solche heraus, aber das ist ganz schnell vergessen. Die Profiteure sonnen sich im gestiegenen Ansehen, in höherer Leitungsebene, ein paar Politiker lamentieren, einige Existenzen sind vernichtet.

So funktioniert eine Firmenübernahme auch in der Realität.  Sicher nicht mit allen Mitteln, die hier von Dominique Manotti aufgeführt werden, aber mit einigen Tricks aus der Kiste dubioser Machenschaften und illegaler Methoden.

Dominique Manotti hat diese Werkzeuge wirtschaftlicher (Macht)Übernahme treffend dargestellt. Kesseltreiben ist ein Lehrstück für das Negative bei einem Übernahmeprozess mit allen Mitspielern der beteiligten Mannschaften und deren Hintermännern. Manotti demaskiert die scheinbar smarten Manager, die für Status, Karriere und Geld Moral, Recht und die Verantwortung für ihre Mitarbeiter vergessen. Sie demaskiert ebenso die Politiker, die sich entweder analog zu den smarten Managern verhalten, oftmals ihnen aber unterlegen sind, weil ihre Eitelkeit oder Unfähigkeit sie verblendet, und die nicht sehen, was außerhalb ihrem politischen Mief geschieht. Wer sich von ihnen lediglich im Rahmen seines Handlungsspielraums hat sowieso keine Chance

Kesseltreiben ist ein herrlich unmoralisches Sittengemälde im Umfeld von Politik und Wirtschaft bei der es um Fusionen, Merger, Firmenübernahmen – oder wie auch immer man solche Vorgänge nennen will – , insbesondere im internationalen Geschäft geht.

— O —

Dominique Manotti: Kesseltreiben (Originaltitel: Racket, erschienen in Frankreich, 2018. Deutsche Übersetzung: Iris Konopik, erschienen bei Ariadne im Argument Verlag, 2018)

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