Was wäre, wenn……(Max Annas: Finsterwalde)

…… Deutschland von Nazis einer neuen Generation regiert würde – Zustände ähnlich denen, die zur Zeit des Dritten Reichs herrschten?

P1030650Dieses Szenario beschreibt Max Annas im Roman Finsterwalde. Die Bewohner der brandenburgischen Stadt dieses Namens wurden umgesiedelt, ein unüberwindbarer, streng bewachter Zaun drumherum gezogen und Deutsche afrikanischer Abstammung, alle eingestuft als Illegale, in dieses Abschiebelager interniert. Viele andere, die nicht ins Bild der neuen Regierung passen, sind bereits ausgewiesen, geflüchtet oder in weitere Lager verbracht worden. Ersetzt werden sie durch Bürger anderer Staaten, denen es dort scheinbar schlechter ergangen ist und vor dortigen Regimen ihr Heil in der Einwanderung nach Deutschland suchen, wo sie zunächst eine Aufenthaltserlaubnis zur Probe für ein Jahr und eine elektrische Fußfessel erhalten. Während die Ärztin Marie mit ihren Kindern auf diese Weise nach Finsterwalde deportiert wurde, darf die griechische Kollegin Eleni mit Kindern und Mann nach Deutschland reisen und die Praxis sowie die Wohnung  der afrodeutschen Marie übernehmen.

Max Annas erzählt in zwei Strängen sowohl vom zunächst unorganisierten Leben in Finsterwalde mit unzureichenden Lebensmittelrationen und dem Bemühen Maries und einiger Mitbewohner, sich zu organisieren und zu solidarisieren. Im anderen Strang erleben wir Eleni, wie sie mit Mann Theo und den Kindern in Deutschland eintrifft. Ihre ersten Tage sind geprägt von Desillusionierung und der damit verbundenen Frage, ob es richtig war, in diesen Überwachungsstaat zu gehen, der keinen Deut besser zu sein scheint als das Land, das im Chaos zu versinken droht, das sie gerade verlassen haben.

Theo findet Fotos von Marie und ihren Kindern in der Wohnung, erfährt, dass sie vermutlich nach Finsterwalde deportiert wurden. Er beschließt, Marie und deren Kinder dort aufzusuchen. In Finsterwalde plant Marie mit einigen Bewohnern und ihrem Sohn nach Berlin zu gehen, um dort einige Kinder aus einem verschlossenen Haus zu befreien.

Der Gruppe aus Finsterwalde findet einen Weg aus der Stadt und trifft nach kurzer Zeit Theo, mit dem sie Richtung Berlin gehen. Der gemeinsame Weg durch das flächendeckend überwachte Land ist der wesentliche Teil des Romans. Er zeigt die Macht des Überwachungsstaates ebenso wie die Angst davor. Dennoch gibt es Lücken und Möglichkeiten, zwischen Blaulicht und Springerstiefeln hindurchzuhuschen. Theo und Marie inklusive Anhang nutzen ihn, auch wenn nicht alle am Ziel ankommen.

Finsterwalde beschreibt Verhältnisse, die mit dem Wort „finster“ nicht ausreichend bezeichnet werden können. Das Superlativ von „finster“ – wenn es das geben würde – wäre treffender. Willkür und Brutalität, Verbreiten von Angst und Schrecken sind die Mittel, mit denen der Staat seine Pläne einer „Säuberung“ um seiner selbst Willen durchsetzen will. Der „normale Bürger“ kommt bei Annas nicht mehr vor.  Der Roman erscheint als Versuch, uns als Leser zu sensibilisieren, die Richtung zu erkennen, in die wir nicht gehen dürfen. 

Im blog.wdr.de/nollerliest hat Ulrich Noller Finsterwalde so zusammengefaßt: „„Spekulativer Realismus“ – Romane, die in der näheren Zukunft spielen sind im Moment ein großes Thema auf dem Buchmarkt, insbesondere auch im Krimibereich. Max Annas hält mit seinem spektakulären Entwurf der Gegenwart mit ihren Hass-Debatten auf radikalste Weise den Zerr-Spiegel vor – und er bezieht dabei nicht minder radikal Position. Diese Radikalität samt ihrer dramaturkischen Konsequenzen muss man (wie ich) nicht bis ins letzte Detail teilen, um mit seinem neuen Roman sein so großes wie zwiespältiges „Vergnügen“ haben zu können.“

Finsterwalde ist eine brutale, aber beeindruckende Fiktion.

— O —

Max Annas: Finsterwalde, 2018 erschienen bei Rowohlt

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