Raphaël Confiant: Unbescholtene Bürger

IMG_7616Spannung und eine gute Story sind zwei Komponenten, die einen guten Kriminalroman auszeichnen, aber längst nicht alle.

Die Sprache der Protagonisten muss zum Milieu passen.

Raphaël Confiant und seinem Übersetzer Peter Trier ist es in hervorragender Weise gelungen passend zum Ort der Handlung auf der Karibikinsel Maritinque in einem Milieu, beherrscht von Korruption, Betrug, illegalen Glücks- sowie politischen Ränkespielen, Seitensprüngen und letztlich auch Mord einen Privatschnüffler Jack Teddyson loszuschicken.

Jack, der bürgerlich Raymond Vauban heißt – sich vom englischen Namen jedoch größeren beruflichen Erfolg verspricht – agiert mit derbem Vokabular. Dazu zitiert er alte, teils schlüpfrige Sprüche, teils triviale Weisheiten seines verstorbenen Erbonkels und andererseits ergeht er sich in philosophischen Betrachtungen über die Erkenntnisse der alten Griechen bis hin zu denen der Philosophen heutiger Zeit. Das alles prägt diesen Kriminalroman.

Und dieser Typ, meist am Rande des Existenzminimums, manchmal auch darunter, passt in die überwiegend kreolische Welt der Nutten, Zuhälter, Politiker und Unternehmer, Nebenfrauen, Frauenhunde (kreolischer Ausdruck für Schürzenjäger) und Glücksspieler von Fort-de-France, der Hauptstadt der Insel.

Wer nun erwartet, dass dieses umfangreiche Szenario nur Platz in einem dicken Schmöker gefunden hat, wird möglicherweise enttäuscht sein. Raphaël Confiant benötigt lediglich knapp 200 Seiten um dieses Sittengemälde zu zeichnen.

Los geht es, als bei Jack Teddyson die Witwe eines ermordeten Unternehmers erscheint und ihn damit beauftragt, den oder die Mörder ihres Mannes zu finden, eine Aufgabe, die die Polizei der Stadt nicht lösen konnte. Großes Geld wird dem Schnüffler versprochen, der frohlockt ob des fetten Auftrags. Dass er dabei durch alle gesellschaftlichen Schichten der kleinen Stadt ermitteln muss, kompliziert die Aufgabe. Auch war Jack nicht darauf vorbereitet, selbst so in die Angelegenheiten multikrimineller Player hineingezogen zu werden, dass sein Leben in Gefahr gerät.

Letztlich werden Geheimnisse gelüftet, Motiv und Mörder identifiziert und vielleicht ist Martinique ein klein wenig besser geworden – wahrscheinlich aber nicht.

So bleibt für die Leser zu hoffen, dass Jack Teddyson einen weiteren dicken Fisch an die Angel bekommt, von dem Raphaël Confiant in dieser Weise berichten kann: eloquent auch wenn’s deftig wird – mit Humor, wenn die Welt unterzugehen scheint.

Ebenso wie Gary Victor mit den haitianischen „Schweinezeiten“, „Soro“ und „Suff und Sühne“ ist Raphaël Confiant mit „Unbescholtene Bürger“ eine Bereicherung der internationalen Krimiszene.

— O —

Raphaël Confiant: Unbescholtene Bürger, aus dem Französischen von Peter Trier, erschienen 2018 bei Litradukt, Originaltitel: Citoyens au-dessus de tout supcon …. (2010, Martinique)

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Ebenfalls bei Litradukt erschienen:

Gary Victor: „Schweinezeiten“, Soro“, „Suff und Sühne

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2 Antworten zu Raphaël Confiant: Unbescholtene Bürger

  1. krimiautorenaz schreibt:

    Je älter ich werde, umso mehr schätze ich 200-Seiten Bücher.
    Confiants erster Krimi ‚Mord am Karsamstag‘ ist auch so ein Kleinod.
    Vorgemerkt für mein Blog.

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