Klüpfel/Kobr: Kluftinger

IMG_7890Ein liebevolles „Duziduzidu“ zum sechs Monate alten Enkelkind und dann ist Kluftinger wieder der alte Griesgram –  wie wir ihn kennen.

Es passt ihm überhaupt nicht, dass er am Allerheiligen mitsamt der Familie und der gesamten Altusrieder Gemeinde am Totenmarathon teilnehmen muss. Es gefällt ihm nicht, sich in seinen knapp sitzenden schwarzen Anzug zu zwingen, dessen Hosenbeine er zum Missfallen seiner Erika in die Winterstiefel steckt. Aber Klupfinger ist, wie üblich, meist ein Opportunist, Dickschädel und zuweilen Griesgram.

So landet die Familie auf dem Friedhof, um am Ritual dieses Feiertags, manche nennen es auch „Gräberlauf“, teilzunehmen. Und der Kommissar hat es dort nicht leicht, von Dr. Langhammers echten Ungarischen Wischler, den Klufti despektierlich als Dackel bezeichnet, wird er vollgeschleimt. Die Eltern Kluftingers behandeln den Sohn wie ein kleines Butzele. Man merkt, wie der gestandene Kommissar kurz vorm explodieren ist.

Aber es kommt noch schlimmer für ihn. Andere Dörfler gucken ihn entgeistert an, und schließlich erfährt er warum. Er steht vor seinem eigenen Grab. Auf dem Holzkreuz steht sein Name mit dem Geburtsjahr, dahinter die aktuelle Jahreszahl als Jahr seines Todes.

So wird zu Beginn dieses „Jubiläumsband“, dem 10. „Klufti-Krimi“ klar: Dies ist ein Präsent für die echten Klufti-Fans.

Darin darf sich das Allgäuer Urgestein nicht nur richtig ausgranteln. Zudem werden immer wieder Sequenzen aus seinem früheren Leben eingeflochten, seinem Leben vor „Milchgeld“, dem ersten Krimi der Reihe. Es beginnt mit dem 17jährigen Bub‘, der schlechten Umgang hat und Zeuge eines unnatürlichen Todesfalls wird. Die Clique und das Ereignis von damals scheint etwas mit den aktuellen Geschehnissen um den Kommissar herum zu tun zu haben. Aber auch der Mord, der Kluftinger zur Kripo gebracht hat, seine Ernennung zum Chef, das Kennenlernen Erikas und andere Ereignisse aus dem Leben des von seinen Fans geliebten „Kluftis“ werden ähnlich eines Prequels von Klüpfel/Kobr erzählt.

Dabei tritt der eigentliche Fall – und während des Lesens frage ich mich: „Was ist eigentlich hier die Krimihandlung?“ – völlig in den Hintergrund. Ab und zu ploppt eine Verbindung zu anderen Fällen der Reihe auf, dann nimmt das Duzeln mit dem Enkelkind den Raum ein. Der Autokauf für den Sohn und dessen Familie scheint nie enden zu wollen. Dann wiederum ist ein Kollege mutmaßlich in kriminelle Machenschaften verwickelt.

Dieser „Jubiläumband“ erweist sich als chaotische Referenz an die Klufti-Fangemeinde – und die wird es uneingeschränkt zu würdigen wissen, denn sie erfahren hier Neues aus dem Leben des jungen Helden und erleben ihn im Gestern wie Heute wie sie ihn mögen: Tapsend von einem Fettnapf in das nächste Mißgeschick, bauernschlau und auf seine Pauke hauend.

Zugegeben: ein Verhalten, das wahlweise die Leser zum Schmunzeln oder Schenkelklopfen bringt, für den echten Krimiliebhaber jedoch ein dürftiger Kriminalroman.

— O —

Volker Klüpfel/ Michael Kobr: Kluftinger, erschienen 2018 bei Ullstein

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