Zownir & Anfuso: Pommerenke

20171022_1147551959 – Ein heißer, lang anhaltender Sommer in dem unser Dorfteich, zugleich Feuerlöschteich, austrocknete, ist das einzige Ereignis des Jahres, an das ich mich – damals 13 Jahre alt – erinnern kann. Für mich ein bedeutender Vorfall in dem kleinen niedersächsischen Dorf. Wer aber über den ausgetrockneten Dorfteich hinwegblickte und Zeitungen las, der sah:

1959 – Innerhalb weniger Monate mordet, vergewaltigt, verletzt und raubt Heinrich Pommerenke in Karlsruhe und im Schwarzwald, versetzt damit die Gegend in Angst und Schrecken, bis er im Juni des Jahres festgenommen wird. Er gesteht 4 Morde, 7 Mordversuche, 2 vollendete und 25 versuchte Vergewaltigungen sowie Raubüberfälle, Einbrüche, einfache Diebstähle und andere Straftaten – insgesamt 65. Eine unfassbar grausame, in ihrer Dimension gigantische und spektakuläre Serie von Ereignissen.

Im Oktober 1960 wird er zu sechsmal lebenslangem Zuchthaus plus 15 Jahren Gefängnis verurteilt und gilt lange Zeit als der am längsten einsitzende Strafgefangene in Deutschland. Nach mehr als 48 Jahren Haft stirbt Pommerenke 2008 im Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg.

2017 erscheint bei CULTURBOOKS ein True-Crime-Roman von Nico Anfuso und Miron Zownir mit dem Titel POMMERENKE.

Dieser Roman handelt nicht nur von Heinrich Pommerenke, sondern gleichgewichtig von Billie, einer jungen Journalistin. Etwa 40 Jahre nach Pommernekes Verurteilung plant Billie, ein Buch über den Mann zu schreiben, über dessen Verbrechen in allen Zeitungen zu lesen war.

Billie hat bereits zahlreiche Gespräche mit Heinrich – nur so nennt sie ihn in diesem Roman – in der JVA Bruchsal geführt, mit Zeitzeugen und Opfern geredet, Zeitungsberichte über Heinrich, dessen Verbrechen und die vergeblichen Versuche, die Strafe zur Bewährung auszusetzen, studiert.

Nun ist sie – so beginnt das Buch – mit ihrem Mann Branco auf der Reise in die Flitterwochen Richtung Venedig. Die Flitterwochen enden jedoch bereits auf der Anreise abrupt, da Branco plötzlich einen Job als Kameramann in New York antreten muss. Billie fliegt zurück nach Berlin in ihre neue Wohnung, ein Loft in Nachbarschaft zu verfallenen Gebäuden.

Dort vertieft sie sich in ihr Skript. Heinrich ergreift dabei Besitz von ihr. Billie wird von der Person des Verbrechers gefesselt. In längeren Sequenzen erfahren wir von der Entwicklung des Mannes, der 1939 in der Nähe von Rostock geboren wurde, mit Mutter und Schwester zunächst nach Kriegsende in die Schweiz zog, bei Großeltern in Mecklenburg aufwuchs und ein unstetes Leben führte, das ihn schließlich 1959 zu dem gefürchteten Verbrecher werden ließ.

Die übelsten dieser Verbrechen hat Billie in ihrem Skript beschrieben und so erlebt der Leser den True-Crime-Part, erkenntlich an einer speziellen Schrift. Diese unterscheidet sich von etwas kleineren Schrift der fiktiven, aber wohl doch mit der Person der Autorin Nico Anfuso verknüpften Geschichte Billies.

So ist zu erkennen, wie Billie immer mehr von der Person Heinrichs fasziniert und gleichzeitig abgestoßen wird, wie sie in eine mentale Abhängigkeit zu dem alternden Monster gerät, in Wahnvorstellungen und Albträumen getrieben wird. Dagegen sieht sich der Verbrecher, von Gott für die Gewaltverbrechen geleitet und inzwischen geläutert, als Opfer. Der Weg, den Pommerenke gegangen ist erscheint ihm demnach, zumindest nach der „Initialzündung“, die zum ersten Mord in Karlsruhe führt, von Gott gegeben. Den Leser macht es fassungslos.

Es ist schwer zu verstehen, was die Verbrechen und das Ego des Heinrich Pommernekes mit jemanden macht, der sich derart mit ihm beschäftigt und mit ihm Gespräche geführt hat. Verständlich ist aber, dass eine solche Beschäftigung zu Reaktionen führen kann, wie sie von Zownir & Anfuso hier so ergreifend schildern. Als kleiner Lichtblick für Billie und damit dem Aufatmen des Lesers bleibt die Aussicht auf einen Neustart mit Branco in die Flitterwochen.

Es benötigt die Kenntnis von Fachleuten, Billies Psychose und das auslösende Ereignis zu beschreiben und zu deuten. Anne Kuhlmeyer ist eine solche Fachfrau, die sich in ihrer Rezension mit dem Buch und den Persönlichkeiten von Pommerenke und Billie auf ihre Weise in „Verrückt? Oder nicht?“ auseinandersetzt.

— O —

Zownir & Anfuso: Pommerenke, erschienen 2017 im Verlag CULTURBOOKS, als Hardcover mit Lesebändchen und eBook

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Eine Antwort zu Zownir & Anfuso: Pommerenke

  1. Gunnar schreibt:

    Ich muss zugeben, dass ich mich mit der Psychose Billies teilweise schwer getan habe. Es kam mir einfach zu extrem und zu schnell vor. Andererseits sind die Taten Pommerenkes schon sehr montrös.
    Insgesamt hat mir es aber auch gefallen, mehr dazu Anfang nächster Woche.

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