Anita Nair: Gewaltkette

IMG_7062Ich liebe Szenarien, die sich von den gängigen deutschen unterscheiden, der Reeperbahn auf St. Pauli oder dem Rotlichtviertel in der Nähe von Frankfurt Hbf. Dort sind Asphalt und Pflastersteine so abgewetzt von Prostituierten, Zuhältern, Junkies, Dealern, anderen Klein- und Großkriminellen sowie kaputten Kommissaren und Schlapphüten, die in Krimis und Thrillern mitwirken, dass die Lektüre zumeist langweilig wirkt, wenig Neues bietet. Selbstverständlich gibt es Ausnahmen wie Chastity Riley von Simone Buchholz, aber das ist wirklich eine von wenigen Ausnahmen im so arg von Autorinnen und Autoren malträtierten Milieu. Indien wie in GEWALTKETTE speziell Bangalore und Umgebung ist für mich ein fremder und ungewöhnlicher Ort – ähnlich wie die südafrikanischen von Malla Nunn oder das Libreville von Janis Otsiemi -.

Einerseits echauffiere ich mich, bin anderseits begeistert von dem, was um Inspector Borei Gowda herum passiert und wie Anita Nair die dortigen Verhältnisse darstellt. Gewaltkette handelt von Kindesmisshandlungen und Zwangsprostitution von Minderjährigen, aber auch von der Verstrickung hoher gesellschaftlicher und politischer Kreise sowie von Korruption im Polizeiapparat. Das alles erscheint zunächst unspektakulär. Anita Nair beschreibt aber auch und treffend die Umgebung, die das Kriminelle quer durch die Gesellschaft und den Umbruch auf dem Weg in das Indien des 21. Jahrhundert. Am Beispiel der drittgrößten indischen Stadt Bangalore wird gezeigt, wie die Verdoppelung der Einwohnerzahl um knapp 100 Prozent innerhalb von zehn Jahren (von 2001-2011 auf 8,4 Millionen) nicht in homogener Weise erfolgte. Die Konsequenzen durch den Zuzug Hunderttausender von Wanderarbeiter und die Schaffung von Arbeitsplätzen überwiegend für Männer hat für die Menschen dort zwei besonders negative Effekt: Zum einen ist Bangalore ein Knotenpunkt für den Menschenhandel geworden, zum anderen ist es eine Stadt mit zahllosen Bordellen, insbesondere illegalen. Auch sonst ist das Elend gestiegen und wüsste man nicht, dass es in der Stadt neben denen, die sich am Elend der anderen bereichern und den Gutverdienenden des „indischen Silicon Valley“ gibt, sähe man nur das Grau von Schmutz und Elend.

In dieser Welt ermittelt Inspector Borei Gowda, der im Dienst Werte wie Korrektheit und Legalität einzuhalten versucht, der privat ein schwieriges Verhältnis zu seiner Ehefrau hat, dazu eine nahezu glückliche Beziehung zu seiner Geliebten pflegt, dessen Verhältnis zu seinem Medizin studierenden von gegenseitigem Unverständnis geprägt ist.

Inmitten von Mordermittlungen erfährt Gowda, dass die zwölfjährige Tochter seiner Haushälterin entführt wurde. Der Inspector und sein Team wenden sich dem Entführungsfall zu und erkennen bei den Ermittlungen die Verstrickungen von Kinderhandel und Misshandlungen und Zwangsprostitution. Sie nehmen dabei den Verlauf der Gewaltkette am schwächsten und letzten Glied auf, der sie zu dem stärksten führt, den Verantwortlichen für dieses elenden Schicksals, das den Kindern widerfährt.

Anita Nair beschreibt den Zwiespalt zwischen immer noch vorhandenem und praktiziertem traditionellen Verhalten und den chaotischen Strukturen der scheinbar planlosen wachsenden und wuchernden Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft. Verlierer sind – wie in solchen Fällen üblich – die da unten, Profiteure diejenigen, die in diesem Umfeld die Gesetze missachten oder auf ihre Weise interpretieren. Die Autorin verdeutlicht so die Verhältnisse, die weitgehend bekannt sind in einem Kriminalroman, dessen Inhalt zwar spannend aber doch vorhersehbar ist, zu einem stimmigen Gesamtpaket. Das alles in einer Gegend, deren Straßen und Plätze von Protagonisten anderer Autoren und Autorinnen noch nicht abgewetzt ist – und das ist letztlich der Reiz der Story.

— O —

Original: Chain of Custody (2016), dt. 2017 als Hardcover bei Ariadne/Argument Verlag erschienen, Übersetzung Karen Witthuhn

Im Post zitiert:

Malla Nunn (ebenfalls bei Ariadne/Argument-Verlag erschienen) mit Tal des Schweigens und Zeit der Finsternis,

Simone Buchholz mit ihrer Chastity-Riley-Reihe, z.B. Blaue Nacht und Beton Rouge,

Janis Otsiemi: Libreville

 

 

 

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