Simone Buchholz: Beton Rouge

20170903_113547Staatsanwältin Chastity Riley eckt zumeist an. Durch ihre Art wie sie lebt, spricht und handelt. Die sich daraus ergebende berufliche Karriere verbringt sie in einer Abstellkammer, in der sie als Opferschutzbeauftragte ihr Dasein im Dienst absitzt. Nur in speziellen Fällen erinnern sich ihre Vorgesetzten, dass in dieser Kammer ein besonderes Talent schlummert. So wird sie zeitweise „freigelassen“, wenn ein undurchsichtiger, schwierig erscheindender Fall zu bearbeiten ist.

Riley darf ran, als vor dem Haus eines bedeutenden Zeitschriftenverlags morgens ein Mann, Chef der Personalabteilung jenes Verlags, nackt und unfreiwillig in einem Käfig sitzt, bespuckt und verhöhnt von Mitarbeitern, zusätzlich umringt von einer Schar Schaulustiger.

Alles in allem ein Bild der totalen Abwesenheit von Freiwilligkeit“, deutet Riley Käfig und Inhalt.

Als Personalchef, der festangestellte Journalisten feuert, um diese durch schlechtbezahlte Freelancer zu ersetzen, und auch sonst das Unternehmen „verschlankt“, ist das Potenzial an wohlgesonnenen Mitarbeitern gering. Ob Angst und Ärger aber dazu reichen, jemanden so an den Pranger zu stellen, das ist die Frage, die sich die Staatsanwältin und ein ihr zugeordneter LKA-Mann stellen. Ein paar Tage später: die gleiche Szene vor dem Verlagshaus. Im Käfig sitzt nun der Geschäftsführer. Vieles deutet darauf hin, dass es sich tatsächlich um Racheakte der um ihre Arbeitsplätze bangenden Mitarbeiter handelt. Seit Jahren wird die Belegschaft dezimiert, seit Jahren streichen die Bosse dicke Gehälter und fette Bonuszahlungen ein. Dann stellt sich heraus, dass die beiden Herren, die in den Käfigen saßen, eine gemeinsame Vergangenheit mit dem Oberboss haben: eine alte Seilschaft aus Internatstagen, in denen sie sich einen Zimmergenossen psychisch und physisch auf übelste Weise vergangen haben.

Und damit fängt das Vergnügen an, den Kampf der Schnösel, die die Gier nach Macht und Geld sowie die gemeinsame Vergangenheit verbindet, gegen Rileys Schnoddigkeit als Leser zu erleben. Riley hat in ihrem Leben andere Akzente gesetzt und die sind in und in der Umgebung der Hamburger Kiezkneipe „Blaue Nacht“ zu finden: Klatsche, Wirt und Bierkastenschieber, gelegentlicher Lover der Staatsanwältin, gemeinsame Freunde der Szene zu denen nicht nur Personen sondern insbesondere Bier und Zigaretten gehören.

So erzählt Riley von sich und ihrer Umgebung, kloppt weise Sprüche wie „Andre Leute haben Tanzpartner, ich hab Trinkpartner“ und erkennt bei ihren Recherchen Alltagsweisheiten: “Es sind immer die gleichen Arschlöcher, die gewinnen.“

Wer dieses Milieu von Kiez und die entgegengesetzte Welt der Weißkragen beschreibt, landet häufig in der Welt der klischeehaften Darstellung.

Simone Buchholz ist es auch in diesem siebten Band der Chastity-Riley-Reihe gelungen, Typen – allen voran die ungewöhnliche Staatsanwältin – und deren Agieren so originell zu beschreiben. Trotz des „Sprüchekloppens“ und der derben, zu Zynismus neigenden Erzählweise der Protagonistin, wirkt es nie als billiger Abklatsch der geschilderten Sphären. Während die Welt des Verlagshauses und der Profitmaximierung durchaus mit Authentizität glänzt, bewegt sich Riley in einer eigenen Welt, wie sie von der Autorin unvergleichlich gezeichnet wird.

In der Krimibestenliste des Monats September 2017 steht dieses Buch auf Platz 1. Eine gute Wahl der Jury!

— O —

Erschienen 2017 als Suhrkamp Taschenbuch

Vorgängerband: Blaue Nacht (2016)

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