Zoë Beck: Die Lieferantin

20170903_113347Zoë Beck zeichnet starke Charaktere. Allen voran die Lieferantin. Ausgestattet mit einer genialen Erfindungsgabe und der Fähigkeit der erfolgreichen Implementierung dieser Erfindung, stellt sie sich der Konkurrenz eines etablierten Geschäftsmodells. Diese Konkurrenz wird dargestellt durch das Kartell dreier Drogenbosse, die nicht nur die Londoner Supply Chain des Drogenhandels von der Beschaffung bis zur Distribution beherrschen, sondern auch noch diverse andere Geschäfte wie Schutzgelderpressung betreiben.

Ein Schutzgeldzahler ist es, der für die Initialzündung für den Thrill dieser Story sorgt. Der erfolgreiche, rechtschaffene Restaurantbesitzer betoniert seinen Erpresser ein, nachdem dieser ihn mit immer höheren Forderungen an den Rand des Ruins gebracht hat. Der Boss des Kassierers zieht die falschen Schlüsse aus dem Verschwinden seines Mitarbeiters. Ein widerwillig im Geschäft seines die Szene beherrschenden Vaters arbeitende Sohn muss einen Falschen eliminieren. Und so führen die Vermutungen über den Verbleib des inzwischen begehbaren Kleinkriminellen die etablierte Drogenmafia schließlich zum Konkurrenzunternehmen der Lieferantin.

Diese hat ein scheinbar perfektes System der Drogenverteilung an Endabnehmer gefunden. Im Darknet werden die Drogen angeboten, anonym per Drohne an die Klientel ausgeliefert, wobei per Kamera die Übergabe und somit auch der Empfänger gefilmt wird.

Auch wenn das bereits erwachsene Söhnchen des Bosses nicht geeignet erscheint, Pappis Geschäft einmal fortzuführen, gelingt es ihm, Einblick in das Geschäft der Lieferantin zu bekommen. Aber dank der Drohnenkamera bleibt es der Lieferantin nicht verborgen, wer die Kreise ihrer Flugobjekte und damit auch ihre stören, ihr Leben zerstören will.

Dieser Kampf spielt sich in der Zeit nach dem Brexit zueiner Zeit in London ab,  in der möglicherweise der Druxit bevorsteht. Dabei handelt es sich um das Bestreben der konservativen Regierung des UK per Volksentscheid über die Verschärfung der Drogengesetze abstimmen zu lassen. Mittendrin in dieser politischen Auseinandersetzung befindet sich zwangsläufig die Lieferantin, umgeben von ihrem Netzwerk mit der Druxit-Gegnerin, einer Anwältin, die die Gegenkampagne zu den Regierungsinteressen leitet. Damit bekommt der Thriller neben dem Crime-Aspekt eine politische Dimension, in dem Zoë Beck die Positionen pro und contra Druxit vergleicht und das häßliche Gesicht des konservative Lagers, das durch Einschüchterungsversuche und Gewalt die Entscheidung pro Druxit erzwingen will, aufzeigt. Nebenbei, wen wundert’s, ließ sich auch ein führender Konservativer bei der Annahme seiner Lieferung filmen.

Dabei spricht Zoë Beck nicht nur das scheinheilige Verhalten von Politikern an, sondern auch den Zwiespalt zwischen der Legalisierung der Drogen – die Lieferantin unterstützt dieses Vorhaben mit der Mitfinanzierung der Anti-Druxit Kampagne –, an der die Drogendealer gar kein Interesse haben, und dem Krieg gegen die Drogen, der – mit welchen Gesetzen auch immer – bisher erfolglos war und wohl auch bleiben wird.

So bleibt eine düstere Perspektive, bei der die Lieferantin sich vorübergehend zurückzieht, mit dem Plan, die Geschäftsidee weiter zu entwickeln, um den Drogenbossen in Zukunft wieder überlegen zu sein.

Die Lieferantin ist eine faszinierende Person, der Thriller aufregend und inhaltlich durchaus in naher Zukunft vorstellbar. Nicht nur George Orwells 1984 ist überwiegend eingetreten, das damals Unvorstellbare längst übertroffen. Die politischen Inhalte dieses Thrillers werden voraussichtlich in wenigen Jahren ähnlich der Orwellschen Prognosen Realität geworden sein.

— O —

Erschienen 2017 bei Suhrkamp

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