Ein Kurzkrimi sowie Tragikomisches oder Komitragisches von Carlo Schäfer: Schmutz, Katz & Co. Das erzählerische Werk

20170727_152719Ey, ich lieb Carlo Schäfer. Isso! Wasweißich! (Adaptiert von „Kurpfalz is Himmel).

Und nebenbei: Carlo Schäfer ist (im) Himmel. Das ist sehr bedauerlich, ist doch diese, nach seinem Tod erschienene Sammlung köstliche Unterhaltung – und mehr gibt es in dieser Art wohl nicht von ihm. Sie beinhaltet jede Menge Tragik, die verknüpft ist mit Komik. Anders herum passt es ebenso: Komik, verknüpft mit Tragik. Wierum man es sieht, es ist Wurscht,

Es sind skurrile, groteske Ereignisse, die Schäfer beschrieb. Sie kommen daher, auf den ersten Blick völlig überzogen, unrealistisch, dazwischen kleine Spritzer Realität, die schwellen wie der Körper von Katz, der schließlich platzt. Und so strotzen diese Geschichten vor zunächst nicht erkennbarer Realität.

Dies sind die Geschichten:

Der Kurzkrimi: Kinder & Wölfe

Ein kleiner Junge verschwindet in einem kleinen fiktiven Kaff im Kaiserstuhl, wird tot in einem Brunnen aufgefunden. Der Knabe, ein Monster, dessen Eltern überfordert mit ihm und sich selbst waren. Das Umfeld:

  • ein evangelischer Pfaffe, der weder Beruf noch sein Leben auf die Reihe bringt, zwangsversetzt in ebendieses Kaff, in dem er nach Ansicht seines Dekans und Bischofs nichts mehr falsch machen kann. (Kann er aber doch).
  • Die Bevölkerung mit Ureinwohnern (überwiegend Winzern) und Zugezogenen (wie die Familie des toten Knaben)
  • die Kirche, zwei Kneipen.Wie häufig es häufig ist in Krimis, steht hier nicht das Verbrechen und dessen Aufklärung im Vordergrund, sondern Pfaffe und Umfeld. Carlo Schäfer zeigt die scheinbare, scheinheilige Idylle der Provinz, nicht des Kaiserstuhls, er hätte auch ein Plätzchen in der Lüneburger Heide für Pfarrer Schmutz aussuchen können. Schmutz, der seinen Namen mit langem U gesprochen haben möchte. Es wäre der gleiche Schmutz, das gleiche Umfeld, nur ohne Wein, stattdessen Wacholderschnaps.

Die Novelle: Lehrer Dr. Katz

Oder fahren wir nach Waldheim, ein anderer fiktiver Ort, mitten im Land, mitten in einer anderen öden Provinz. Dr. Katz hat es schließlich zu etwas gebracht. „Ich habe es schließlich zu etwas gebracht“, ist sein Mantra. Mantra eines Gymnasiallehrers, der seit Jahren auf der Abschussliste seiner Vorgesetzten steht. Die Unfähigkeit in Person, bei der das Peters Prinzip bereits im Kindergarten zu wirken begonnen hat. Nun, ignoriert vom Kollegium, belächelt und verarscht von seinen Schülern, mit mehr Fehl- als Unterrichtstagen am Schulbetrieb teilnehmend, säuft sich – erbarmungswürdig – der lebensverbeamtete Dr. Katz sein Leben schön. Tritt in jedes Fettnäpfchen, wenn er denn irgendwo hintritt, denn meistens macht er nur eins: Nichts. Ja, was soll man da als Leser sagen? Man könnte in Begeisterung ausbrechen, denn diese Katzens, die gibt es ja wirklich – oder nicht, oder nur teilweise. Die eine oder andere Macke an gewesenen oder heute noch real existierenden Lehrern haben wir schon erlebt, auch die Reaktionen von Schülern, Eltern, Kollegium sowie das Aussitzen im Umgang mit Katz & Co durch Schulleiter und -behörde. Wo endet hier der Realismus, wo beginnt der „Wahnsinn des Alltags“ (übernommen aus dem Vorwort zum Buch von Thomas Wörtche)?

 

Der Miniaturroman: Der Tod dreier Männer

In drei Kapiteln stirbt jeweils ein Mann. Jeder ein eigenartiger Typ:

  • einer, der platzt. Dessen letzte zehn Tage seines Lebens wir erleben.
  • ein anderer Dicker, der seinen Job schmiss und sich noch einmal (oder überhaupt zum ersten Mal) verliebt. Das hilft ihm jedoch nicht. Er stirbt trotzdem, nicht ohne einen Nachruf verfasst zu haben, in dem er der Nachwelt gute Ratschläge für ein besseres Leben gibt, das er sich nicht gegönnt hat/das ihm nicht vergönnt war.
  • Schließlich König David oder David, der von einer unheilbaren Krankheit in den Tod getrieben wird, vorher noch Marc kennenlernt und die letzte Zeit häufiger diesem wirr erscheinendes Zeug erzählt. Und Marc ist es, der uns diese Zeit mit David erzählt.

Zusammengehalten werden diese drei Kapitel resp. Tode wenig. Nun ja, der Tod vereint die drei Typen. Aber dann taucht im vierten Kapitel jemand auf, den wir bereits bei zwei der damals noch Lebenden (und nun Toten) bereits kennengelernt haben, einer,  der von Theodizee spricht und so nicht nur Leben und Ableben des Geplatzten, des Verliebten und des Wirren erklärt, sondern auch noch sich selbst und die Welt überhaupt.

 

Die Erzählung von Gazmend, dem Kurpfälzer mit den kroatischen Wurzeln: Kurpfalz is Himmel

Die Sprache von Gazmend ist himmlisch, seine Gedanken himmlischer, was erzählt wird heiter-fies. Das Leben zwischen Kumpels in Kurpfalz. Prollige Prosa eines jungen Mannes, der die Kurpfalz und sein Mannheim mit dem Herzen sieht. Die Sprache mag abgedroschen, schon häufig von Erkan & Co malträtiert worden sein, aber bei Gazmend beinhaltet sie bei allen Malessen, die er mit seinen Freunden hat, eine Liebeserklärung. Und die wirkt – Gazmend würde es nicht so ausdrücken – „authentisch“. Er hat es immer schon gewußt: „Kurpfalz is Himmel!“

Ey, ich schwör, voll krass Geschichten von dem Carlos. // Ich versichere, es sind herrliche Geschichten von Carlo Schäfer.

Sie sind der Wahnsinn. Sie strotzen, strotzen vor Tragik und Komik, vor Herzlichkeit und Bissigkeit, mit Protagonisten, die geliebt und verabscheut werden können.

Eine größere Vielfalt in dieser Form habe ich selten oder nie innerhalb zweier Buchdeckel erlebt.

Deshalb: Ey, ich lieb Carlo Schäfer. Isso! Weißich! Müßt ihr lesen.

— O —

Carlo Schäfer: Schmutz, Katz & Co. Das erzählerische Werk

mit einem Vorwort von Thomas Wörtche

CulturBooks Verlag (2016), als gedrucktes und elektrisches Buch erschienen

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