Leif Tewes: Blutzucker

20170507_111242Wir wissen es! Die wahren Betrüger,  Profitgeier und Kriminellen sitzen in der Pharma- und Lebensmittelbranche, bzw. diese Industriezweige sind es, die besonders verwerflich ihre Geschäfte betreiben. Und immer wieder stört es diese Eichen nicht, wenn sich Umweltorganisationen, Verbraucher und Verbraucherschützer oder gar Krimiautor*innen daran reiben. Nun wetzt sich auch Leif Tewes daran.

(An dieser Stelle ein Coming-out: Ich war Zeit meines Arbeitslebens Teil von zwei der größten Eichen, habe unter Beobachtung von UNICEF, GREENPEACE, der österreichischen Staatsanwaltschaft und anderer, meinen Arbeitgebern nicht sonderlich wohlgesonnener Organisationen und Personen gearbeitet und bis ins Rentenalter überlebt).

Blutzucker ist ein Thriller, der in diesem Milieu spielt. Und hierbei erleben nicht alle Akteure ihren Ruhestand, sondern werden auf die eine oder andere Art von ihren verbrecherischen Geschäften entbunden. Der eigentliche Skandal – das Verbrechen – hierbei ist, dass ein riesiger Konzern – WorldFood -, der sowohl in der Lebensmittelbranche als auch in der Pharmabereich tätig ist, eine Art Crossmarketing iniziiert, bei dem Lebensmittel so konditioniert werden, dass aus irregeführten Verbrauchern Patienten werden, deren Krankheit durch Medikamente der Pharmasparte behandelt werden sollen. Das ist eine perfide Firmenstrategie, die dieser Konzern mit allen Mitteln versucht, geheim zu halten. Und so ist es nicht verwunderlich, dass es gefährlich ist, auf diesem Gebiet zu recherchieren. Da kann schon mal eine Bombe hochgehen und das Leben einer Journalistin auslöschen, die an der Aufdeckung dieser Machenschaften arbeitet. Sie war die Freundin des Lebensmittelchemikers Paul Hartmann, der an der Entwicklung eines speziellen Rohstoffes bei WorldFood arbeitet. Und während Paul, durch den Tod seiner Freundin vom Saulus zum Paulus wird, gibt es noch Kommissar Berg, den Ermittler alten Schlages, und sein modernes Gegenstück, die Kollegin Landers, die just durch ein anderes Verbrechen in Umfeld der Firma hineingeworfen werden in gefährliche Ermittlungen, die sie von Frankfurt aus nach Kolumbien führen.

Der Klappentext beschreibt, dass Leif Tewes den Leser mit dem aktuellen Thema „Zucker in Lebensmitteln“ konfrontiert und der Blick hinter die Kulissen von Großkonzernen Foodherstellern und Pharmaunternehmen erschreckend sei.

Geschrieben hat der Autor eine interessante Fiktion, bei dem er nicht nur auf allgemein bekanntes Geschäftsgebaren dieser beiden verknüpften Branchen zugreift, sondern darüber hinaus auch Situationen darstellt, die sich aus diesem Verhalten durch die Hierarchieebenen derartiger Unternehmen ergibt. Ober schlägt Unter. Wer nicht mitmacht, fliegt, bestenfalls endet er in der Besenkammer eines solchen Konzerns. Zweifel müssen ausgeräumt werden, Selbstzweifel führen zum Scheitern. So funktioniert es oftmals in den Führungsebenen von oben nach unten – übrigens auch im öffentlichen Dienst wie der Polizei, auch Berg ist davon betroffen. Dieses Bild zeichnet Leif Tewes exakt.

Die Firma WorldFood, da gibt es einige Hinweise wie „Wassergeschichte“, die den Namen der fiktiven Firma als Synonym für „Nestlé“ erscheinen lassen – aber das ist nicht ungewöhnlich, denn wen interessiert schon eine Story um den Bäcker im Dorf, der tote Fliegen in die Rosinenbrötchen backt -, agiert dagegen in diesem Roman in einer skandalösen Weise, wie ich es heute noch nicht für möglich halte. Sowohl in der Lebensmittel- als auch in der Pharmaindustrie werden noch immer fette Gewinne eingefahren. Sie gehen nachweislich zu einem Teil zu Lasten der Verbraucher und der Patienten. Das geschieht neben diesem perfiden Erfindungsreichtum hierzulande dank einer hervorragend organisierten Lobbyarbeit und einer Politik und den von ihnen geleiteten Behörden und Ämtern, die überfordert sind dieses gefährliche Spiel zu erkennen oder die es – aus welchen Gründen auch immer – mitspielen.

Basierend auf dem, was heute in der Welt der Lebensmittel und Pharmazeutika geschieht, hat Leif Tewes eine Fiktion beschrieben, die durchaus in ähnlicher Form real werden könnte. Welche Methoden zur Vertuschung solcher Manipulationen angewendet werden, ist dabei zweitrangig. Wichtig ist, dass wir sensibilisiert und davor geschützt werden. Verweise der Firmen auf Kodizes und Compliance sind bis heute Blasen, die nicht so schnell platzen werden.

Und bei aller angesprochenen Problematik: Blutzucker ist ein Roman voller Spannung, nicht nur in der Welt der Skandale, sondern auch in dem Geflecht menschlicher Beziehungen und Abhängigkeiten am Arbeitsplatz. Gut recherchierte, präzise beschrieben!

— O —

Leif Tewes: Blutzucker, Roman noir, erschienen 2017 im Größenwahn Verlag

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Eine Antwort zu Leif Tewes: Blutzucker

  1. meikesbuntewelt schreibt:

    Also ich finde ja, dass mit dem Bäcker und den Rosinen wäre einen dicken Roman wert!

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