Spannend wie ein Krimi, basierend auf dem realen Leben des Psychiaters Ludwig Meyer und dessen Reformen: Andreas Kollender – Von allen guten GEISTERN

IMG_6495Der Psychiater Ludwig Meyer hat sein Ziel erreicht. Es ist ihm gelungen, in Hamburg eine Heil- und Irrenanstalt nach seinen Vorstellungen gegen den Widerstand großer Teile der  Kollegen und Hamburger Politiker zu gründen. Eine Anstalt, in der die Irren nicht mehr weggesperrt, ihr Irrsinn nicht mehr durch folterartiges Traktieren ausgetrieben werden sollen. Mit dem zudem eingeführten No-Restraint-Prinzip sollten die Kranken erstmals in Deutschland menschenwürdig betreut und behandelt werden – ohne Zwangswesten. Die verkauft Meyer 1864 auf dem Marktplatz auf dem Heiligengeistfeld bei Hamburg. Neider und Zweifler erkennen Meyers Arbeit nicht an, intrigieren und der Pychiater muss seinen Posten als Leiter der Anstalt aufgeben.

Das ist der Kern der Geschichte, die Andreas Kollender basierend auf dem Leben des fortschrittlichen Irrenarztes Ludwig Meyer erzählt. Fiktion verknüpft mit Ereignissen aus dem Leben des Arztes, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland das Psychiatriewesen gegen erhebliche Widerstände reformierte.

Das ist die Geschichte wie Kollender sie erzählt:

Fast 25 Jahre nach jenem denkwürdigen Tag, an dem er die Zwangsjacken verkaufte und einige Zeit später aus seiner Anstalt vertrieben wurde, kehrt Meyer nach Hamburg in Begleitung einer Patientin zurück, um die Abschiedsvorstellung seiner einstigen Geliebten, der Fanny zu besuchen und sich von ihr zu verabschieden, da die Schauspielerin nach Amerika auswandern will. Er kehrt zunächst in seinem verlassenen Elternhaus ein und erinnert sich an seine Zeit als Jugendlicher, als er erleben mußte, wie seine Mutter seelisch erkrankte, Vater und der behandelnde Arzt nicht anderes wussten, als sie schließlich in einer Irrenanstalt damaliger „Qualität“ wegzusperren. Der junge Ludwig versteht den Umgang des Vaters mit der Krankheit der Mutter nicht und es gelingt ihm, mit Hilfe des Apothekers jener Anstalt, die Mutter noch einmal zu sehen. In einem stinkenden Keller ist sie zusammen mit Hunderten anderer „irren“ Frauen untergebracht, in heute kaum vorstellbaren menschenunwürdigen Verhältnissen. Die Mutter mittendrin, kaum noch zu erkennen. Kurze Zeit später erfährt der Sohn, dass seine Mutter sich das Leben genommen hat. Er findet auch heraus, dass Wärter gegen ein kleines Bestechungsgeld die Frauen nackt interessierten Männern präsentieren, die sich beim Betrachten und Begrabschen der „Irren“ ergötzen dürfen. Auch die Mutter wurde offenbar zur Schau gestellt.

Ludwig Meyer entwickelt einen Hass auf den Anstaltsarzt, die Wärter und die Art, in der mit den Kranken umgegangen wird und beschließt, Medizin zu studieren, um Irrenarzt zu werden, die Bedingungen der Unterbringung zu verbessern und Methoden zur Behandlung einzuführen. Nach erlebnisreichen Studien – der reale Meyer studierte nicht nur, er war auch aktiv bei der Revolution 1848/49 dabei und verbrachte einige Zeit hinter Gittern, Kollender bindet auch diesen Lebensabschnitt in den Roman ein – kommt Ludwig wieder nach Hamburg zurück und beginnt mit der Planung und der Einrichtung der Heil- und Irrenanstalt Friedrichsberg. Neben diesen Aktivitäten kommt das Privatleben des Arztes recht kurz. Die Liebe zu Fanny ist zeitweise intensiv, das Verhältnis der beiden leidet jedoch unter der fast als irre zu bezeichnenden Arbeitswut Meyers mit seinem ständigen Streben, seine Pläne umzusetzen und  die Patienten zu verstehen und zu heilen.

Letztlich scheitert Meyer an seinen eigenen Ansprüchen und den Intrigen von Widersachern außerhalb und innerhalb der Klinik. Eine quasi „unehrenhafte Entlassung“, das fluchtartige Verlassen von Hamburg und Fanny zerstören die Lebensplanung des Psychiaters. Das alles erleben wir in einer Retrospektiven, erzählt zu dem Zeitpunkt, als der Arzt wieder in Hamburg auftaucht und dabei versucht, späte Rache an seinen Feinden von damals zu nehmen.

Ein Vergleich der Vita des Ludwig Meyers des Romans mit der realen wie sie in einfach zugänglichen Quellen zu lesen ist, zeigt, dass nicht nur die Romanfigur ein außergewöhnliches Leben führte, sondern dass Meyer auch im wahren Leben sowohl teilweise Abenteuerliches erlebt, aber besonders Bedeutsames geschaffen hat. Mit diesem Roman schildert Andreas Kollender auf interessante und unterhaltsame Weise nicht nur das Leben eines Reformators der Psychiatrie in Deutschland, sondern auch die verheerenden Zustände bis weit in das 19. Jahrhundert im Umgang mit seelisch Kranken. Meyers Verdienst ist es, die damals noch als Irren bezeichneten Kranken menschenwürdig unterzubringen und deren „Behandlung“, den „Unsinn“ durch Zwang und Strafe auszutreiben, abzuschaffen. Besonders aber, die körperliche , zumeist neurologische Krankheit als Ursache von psychischen Störungen anzuerkennen. Meyer beschäftigte sich als einer der ersten Wissenschaftler mit forensischer Psychiatrie und der Anerkennung der Schuldunfähigkeit psychisch kranker Straftäter. Nach ihm wurde das Institut für forensische Psychiatrie und Psychotherapie der Georg-August-Universität in Göttingen benannt, deren Rektor er 1884/85 war und an der er den ersten an einer deutschen Irrenanstalt geschaffenen Lehrstuhl für Psychiatrie innehatte.

Kollender hat mit seinen umfangreichen Recherchen zum Leben des Wissenschaftlers und Arztes eine gute Basis für seinen Roman geschaffen, der wie der bereits 2015 erschienene Roman Kolbe* spannend wie ein Kriminalroman ist, dabei durch die historischen Fakten die Gemüter aufwühlt und erzürnt.

Beide Romane sind Werke über dunkle Kapitel in unserer Geschichte und das Bestreben einzelner, Änderungen herbeizuführen.

Ludwig Meyer hat es im realen Leben geschafft. Dafür gebührt ihm posthum Anerkennung.

Ein Dank aber auch an Andreas Kollender, dass er das Leben des Psychiaters auf diese Weise beschrieben und damit dessen Wirken publik gemacht hat.

– – O – –

Andreas Kollender: Von allen guten Geistern, 2017 erschienen bei PENDRAGON

 – – O – –

Zu diesem Buch wurde von PENDRAGON eine Blogtour organisiert. Fünf Blogger*innen haben über den Roman und Autor gebloggt:

Ein Revoluzzer verkauft den Zwang, eine Rezension auf dem Blog Seitengang

Essay zur Rehabilitation des Irrsinns durch proaktive Therapiemethoden auf dem Blog Der Medien- und Buchblog

Ein fiktives Interview mit Dr. Ludwig Meyer auf Die dunklen Felle

Ein Interview mit Andreas Kollender geführt von Silvia auf Leckere Kekse…

Ein Lesetagebuch zum Buch von Katja alias Philly Biblio auf ihrem Blog Wortgestalt

Neben diesen Posts zur Blogtour besonders erwähnenswert die im CULTURMAG erschienene Rezension von Anne Kuhlmeyer Hirn und Herz

 – – O – –

*Fritz Kolbe, Beamter im Auswärtigen Amt in Berlin, der in den letzten Kriegsjahren durch Weitergabe wichtiger Dokumente an den amerikanischen Geheimdienst versuchte, den Krieg mit seinen verheerenden Ereignissen abzukürzen, und nach dem Krieg als Nestbeschmutzer und gar Verräter von alten, inzwischen durch geschickte Manipulationen entnazifizierte Ex-Nazis geächtet wurde.

 

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2 Antworten zu Spannend wie ein Krimi, basierend auf dem realen Leben des Psychiaters Ludwig Meyer und dessen Reformen: Andreas Kollender – Von allen guten GEISTERN

  1. Philipp Elph schreibt:

    Hat dies auf Philipps kleines Universum rebloggt.

  2. Silvia schreibt:

    Interessantes Buch, das ich erst diese Woche auch verschenkt habe. Kolbe muss ich noch unbedingt lesen.
    Viele Grüße
    Silvia Walter

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