Gary Victor: Suff und Sühne

Victor_Suff_CoverIn diesem Land, so wie es Gary Victor in seinem dritten Band mit dem ehrlichen, unbestechlichen Inspektor Dieuswalwe Azémar beschreibt, möchte ich nicht leben.

Staat und Polizeiapparat sind desolat, Politiker und Polizisten überwiegend korrupt, Mitglieder der UN-Truppen agieren als militärische Besatzer und stehen Politikern und Polizisten in ihrer kriminellen Energie, die Bevölkerung zu unterdrücken und auszubeuten, in nichts nach.

Da bleibt jemanden wie dem Inspektor nur der Suff, auch wenn er damit Job und Leben riskiert. So leiden wir mit ihm, wenn der Zuckerrohrschnaps Soro seinen Schädel fast platzen lässt. Wir fürchten mit ihm um das Leben seiner Tochter Mireya, sie ist das einzige, was für ihn zählt, wofür er bereit ist, sein Leben zu opfern oder zu ändern.

Nach Schweinezeiten und Soro sind in Suff und Sühne die schweren Zeiten für den Inspektor nicht vorbei, aber mit dem Soro ist – zunächst – Schluss: Azémar ist mal wieder auf Entzug. Das bedeutet, dass er sich entweder im Delirium befindet oder halluziniert, ab und zu Pillen einwerfen muss oder eine Injektion verpasst bekommt. Freiwillig nimmt er die Qualen nicht auf sich. Er war vor die Wahl gestellt, Kur oder Rausschmiss. Rausschmiss bedeutet für ihn Ruin. Ruin bedeutet Verlust der Tochter, für die er nicht mehr sorgen könnte. Deshalb versucht er, trocken zu bleiben. Und dann passiert es:

In sein beschissenes Leben platzt die Tochter eines toten brasilianischen UN-Generals, der angeblich Selbstmord begangen hat. Doch die Tochter bezichtigt Azémar, ihren Vater ermordet zu haben. In einer undurchsichtigen Aktion wird die Brasilianerin bei ihrem Besuch erschossen und der Inspektor weiß – soweit kann er klar denken -, dass ihm neben dem Mord am General auch noch der an dessen Tochter angehängt werden soll.

Dabei könnte er schwören, den General nicht umgebracht zu haben. Aber Fotos, die ihm von der Tochter gezeigt wurden, scheinen das Gegenteil zu beweisen. Gerade rechtzeitig, bevor ihn die Häscher eines unbekannten Auftraggebers kassieren, setzt sich Azémar ab, versucht zu erfahren, was hinter der Beschuldigung und den Fotobeweisen steckt. Es steckt viel dahinter: Entführung eines Unternehmersohns, ein Bandenboss mischt mit. Es ist die Hölle für Dieuswalwe Azémar und er geht durch sie durch. Und so kommt es wie es kommen muss, neben der Beretta wird auch der Soro wieder in den Freundeskreis des Inspektors aufgenommen. Azémars Leben geht weiter, die Schweinezeiten sind für ihn noch längst nicht zu Ende.

Azémar bleibt Azémar genau so wie Gary Victors Haiti Haiti bleibt. Und das ist – bezogen auf diese Fiktion (die fatalerweise der Realität so nahe kommt) auch gut so, denn damit haben wir Hoffnung auf ein weiteres Abenteuer von „Gott sei gelobt“- Dieuswalwe Azémar.

Gary Victor,…..mit seiner unverwechselbaren Handschrift, in der sich beißende Sozialkritik mit schwarzem Humor und einem Zug ins Surrealistische verbindet, vermag er wie kaum ein Autor die Wirklichkeit seines Landes einzufangen.*

Meine Empfehlung: unbedingt lesen!

– – O – –

litradukt-gary_victor-suff_und_suehne-umschlag_vorderseiteOriginaltitel: Cures et châtiments (Kanada 2013), dt 2017 (Übersetzung: Peter Trier)

eBook-Ausgabe: CulturBooks Verlag,

Deutsche Printausgabe: litradukt

* aus dem Vorwort „Über das Buch“

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