Über die manipulative Wirkung geschriebener Worte: Maren Graf – Todschreiber

IMG_6492Maren Graf erzählt in Todschreiber von einem Phänomen, bei dem die Leser*innen dieses Buches sich fragen werden, ob es das überhaupt gibt. Kriminalromane sind Fiktionen und dieses Buch ist ein Kriminalroman und so könnte ein solches Geschehen durchaus als Fiktion zu betrachten sein.

Die Kieler Kommissarin Lena Baumann weiß zunächst nicht so recht, wie sie einordnen soll, was sie bei der Leiche des Mannes findet, der Selbstmord begangen hat. Der Man hatte sich offensichtlich spontan erhängt. Ein Brief ohne Absender mit eigenartigen Text wird in der Nähe des Toten gefunden. Kein Abschiedsbrief, aber ein Brief der wegen der Wortwahl seltsam erscheint. Der Schreiber des Briefes hat sich bei der Wortwahl große Mühe gegeben, das Schreiben auf exquisiten Papier und in gleichmäßiger Schrift mit blauer Tinte verfasst. Als kurze Zeit später eine Frau von der Aussichtsplattform des Kieler Rathauses in den Tod springt, wird wieder ein Blatt Papier gefunden. Wohl auch ein Brief, er ist jedoch unleserlich, weil der Regen die Tinte verwaschen hat.

Lena stellt die Hypothese auf, dass jemand durch Briefe bewirkt, dass Menschen in der Stadt nach Erhalt eines solchen Schriftstück spontan ihr Leben beenden. Ihr Chef und die Kollegen tun diese Überlegung zunächst als Lenas Hirngespinst ab, aber die Kommissarin lässt nicht locker und schließlich finden sie und ihr Team heraus, dass es in der Vergangenheit ähnliche Freitode gegeben hat, bei denen Briefe ein Rolle spielten. Und noch etwas erkennen sie. All diese Menschen waren wegen psychischer Probleme in Behandlung.

Um auf die Spur des Phänomens zu kommen, googelt sich Lena durch die Welt der Hypnose, lässt sich von einem Sprachwissenschaftler die Funktion und Bedeutung bestimmter Schlüsselwörter im Brief erklären, der bei dem Erhängten gefunden wurde, und bemüht Fachleute, die sich mit Forensischer Linguistik auskennen.

Dabei steigt die Spannung, die Dramatik nimmt zu. Falschen Spuren wird nachgegangen, dadurch wird wertvolle Zeit vergeudet, was möglicherweise dazu führt, dass weitere Briefe – wenn denn die Hypothese stimmt – ihren Zweck erfüllen. Schwierig gestalten sich die Ermittlungen auch deshalb, weil kein Motiv erkennbar ist.

Maren Graf hat mit Todschreiber einen ungewöhnlichen Kriminalroman geschrieben, der getrost als Thriller bezeichnet werden kann. Zunächst – auf den ersten 100 Seiten – verläuft die Handlung jedoch recht spannungslos. Mit dem Auftreten des Literaturwissenschaftlers, dem die Kommissarin den Brief vorlegt, ist plötzlich die Dynamik und die Spannung da, die dieses Buch zu einem Thriller macht. Zudem hat die Autorin ein meines Wissens in der Kriminalliteratur unbekanntes Thema aufgegriffen (auf das ich hier wg. Spoilergefahr nicht näher eingehe). Somit erscheint der Todschreiber wie ein Solitär in einem Wald unzähliger und oftmals gleichartiger Bäume.

Was ist Mord? Auch das ist eine Frage, mit der sich Maren Graf in diesem Buch beschäftigt und somit auch uns als Leser*innen.

Das Phänomen als Realität oder Fiktion? Die Erklärungen etlicher Begriffe, gleich, ob Maren Graf sie aus dem www gezogen oder sie von in der Danksagung aufgeführten Fachleuten erhalten hat, laden zu eigenen Recherchen ein und bringen interessante Erkenntnisse.

Dieser Debütroman hat es in sich.

– – O – –

Maren Graf: Todschreiber, erschienen 2017 als Taschenbuch im Gmeiner-Verlag

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