Cool hingerotzt mit vielen Bimm-Bamm-Sätzen: Simone Buchholz – Blaue Nacht

IMG_6357Ich spreche von Chastity Riley, einer Hamburger Staatsanwältin. Kaltgestellt ist sie. Die Abstellkammer ist ihr Büro. Selbst schuld. Passiert, beim Praktizieren von Political Correctness, wenn man den korrupten Chef überführt. Selbst schuld, einem Gangster schießt man nicht die Kronjuwelen ab. Dafür gibt es keine Rosen, Frau Staatsanwältin!

Dafür gibt es einen neuen Job auf dem Abstellgleis. Völlig deplatziert darf sie als Opferschutzbeauftragte ihr Dasein fristen. Vorgesetzte hoffen, dass sie den Job schmeißt.

Aber das tut Riley nicht. Sie hängt sich rein, kloppt dicke Sprüche. Keine Phrase ist zu platt, keine Redewendung zu abgedroschen. Riley denkt und spricht diese Blasen, die sie Bimm-Bamm-Sätze nennt, hat für jede Lebenslage – privat oder dienstlich – den passenden Spruch. Und das ist gut so.

Privat, das ist Teffen mit Kumpels in der Kiezkneipe „Blaue Nacht“ auf St. Pauli. Wirt der Kaschemme ist Ex-Knacki – hatte einen „Schlüsseldienst“ – und Lover der Frau Staatsanwältin, die sich dort und anderswo mit einigen eigenartigen Vögeln umgibt. Einer davon ist „der Faller“, Ex-Bulle, inzwischen pensioniert aber immer noch – oder wieder – auf der Jagd nach dem Albaner, der ihm vor vielen Jahren das Leben dauerhaft versaut hat. Der Albaner, ein Wolf, der sein eigenes Fleisch leckt, das fremde aber frisst . Ein Kerl, der sich nie in die Flinte pinkeln ließ und heute in der hanseatischen Schickeria der Stadt verkehrt. Der Faller will den Wolf.

Dienstlich läuft es für Riley in Bezug auf Opferschutzbeauftragte, aber nicht einfach. Sie betreut Joe, der sonst keinen Namen hat, quasi nicht existiert. Er wurde von drei Typen übel zugerichtet, liegt mit etlichen kaputten Knochen und lädierten Eingeweiden im Krankenhaus. Zunächst mimt Joe den großen Schweiger. Gegen Zigaretten und ein paar Pullen Bier von seiner Schutzbeauftragten lässt er dann aber doch ein paar Informationen raus.

Demnach soll es ein Riesengeschäft geben. Mit Hamburg als Umschlagplatz für Crystal Meth und dessen Cousin aus der Hölle, wie Krok(odil) auch genannt wird. Irgendwas hat der Albaner damit zu tun, aber offensichtlich ist er nicht ganz konkurrenzlos.

Und so schnüffelt in der einen Ecke der Faller, in der anderen sucht Castity Riley den Durchblick, immer unterstützt von Zigaretten, Alk und zwischendurch gebumst von Klatsche.

Diese Geschichte platzt schnoddrig und unfiltriert in einer Weise aus dem staatsanwältlichen Kopf, dass es Spaß macht, diesem Erzählstil zu folgen. Eingestreut darin immer wieder kurze Abschnitte aus den Lebensläufen vom Albaner, von Joe, von dem Faller, Klatsche und den anderen Typen rund um Riley.

Kriminalfälle um Drogenhandel und Revierkampf mit Auftragskillern und anderen „Nettigkeiten“ in diesem Milieu sind schon häufig Inhalt von Kriminalromanen gewesen. Kein*e Autor*in hat sie aber in diese coole rotzige Sprache gefasst, in dem die Bimm-Bamm-Sätze wie die Faust aufs Auge passen. Und das ist das gewisse Etwas, das diesen Krimi so anziehend macht.

– – O – –

Simone Buchholz: Blaue Nacht, erschienen 2016 in der Reihe SUHRKAMP NOVA im Suhrkamp Taschenbuchverlag

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Eine Antwort zu Cool hingerotzt mit vielen Bimm-Bamm-Sätzen: Simone Buchholz – Blaue Nacht

  1. Ines Gehlert schreibt:

    Sehr schöne Besprechung, die dem Roman absolut gerecht wird! Ich habe mir gleich die ersten Bände der Chastity-Reihe besorgt. Die gefielen mir auch, aber eine Steigerung war hier deutlich erkennbar.

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