Janis Otsiemi: Libreville

IMG_6179Wie überall in Afrika dient die Polizei nicht den Bürgern, sondern eher den Regierungen”, sagt Janis Otsiemi in einem achtseitigen Interview mit Alf Mayer, das am Ende des Buches abgedruckt ist und zudem einen guten Einblick in die Beobachtungen des Autors gibt. Und, so lese ich es im Kriminalroman des gabunischen Autors, in Gabuns Hauptstadt Libreville gibt es Polizisten, die Autofahrer abzocken. Diese „Gesetzeshüter“ werden Magne-mille* genannt. Neben der Abzocke kommt es jedoch hin und wieder vor, dass Polizisten normaler Polizeiarbeit nachgehen.

Folglich hat Capitane Koumba von der Police Judiciaire diverse Verbrechen aufzuklären, „Raubüberfälle, Auslagendiebstähle, Vergewaltigungen…… Man muss keinen langen Bic besitzen, wie man hier sagt, das heißt studiert haben, um die Ursachen auszumachen: Armut, Arbeitslosigkeit, Gelegenheitsjobs, Drogen…..“

Otsiemi zeichnet ein überwiegend trostloses Bild von der Bevölkerung Gabuns und der Hauptstadt Libreville. Er beschreibt die Menschen und die Situation in für uns ungewohnten Redewendungen und Ausdrücken wie sie in der Umgangssprache verwendet werden. Der Besitzer eines langen Bics ist in Gabun ein Studierter, jemand der den Bic zerbrochen hat, schmiss die Schule. Diese eigenartig anmutenden Worte „sind so wohltuend wie ein frischer Luftzug“, machen den Roman so liebenswert.

Dabei ist der Fall, um den es in diesem Krimi hauptsächlich geht, alles andere als nett.

Die Leiche eines Journalisten von Échos du sud wird nahe dem Palast des Präsidenten angespült. Roger Missangs Kehle ist durchschossen, an seiner Schreibhand wurde zwei Finger abgeschnitten. Polizeioffiziere der Generaldirektion des Fahndungsdienstes, die dem Verteidigungsministerium unterstellt sind, übernehmen die Ermittlungen. Der Fund der Leiche eines Journalisten in der Nähe des Präsidentenpalastes, erschossen mit einer Waffe aus dem Umfeld des Verteidigungsministeriums, legt Vermutungen nahe, dass es sich nicht nur um einen politischen Mord handeln könnte, sondern gar um eine Staatsaffäre. Denn dieser aktuelle Mord geschieht einige Monate vor der Präsidentenwahl im Jahre 2009, in deren Vorfeld es erhebliche Machtkämpfe zu geben scheint.

Janis Otsiemi verknüpft diesen Kriminalfall geschickt mit Informationen über die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse im Land. Er erzählt scheinbar nebenbei, wie Libreville von einer kleinen Stadt mit 30.000 Einwohner im Jahr 1960 mit der Unabhängigkeit Gabuns zur Hauptstadt des Landes wurde und nahezu unkontrolliert auf 700.000 Einwohner wuchs, von denen viele in zahlreichen Slums wohnen, die im Roman als Banditenhochburgen genannt werden.

Der Kriminalroman Libreville enthält somit neben der Story um die Ermordung des Journalisten eine kleine, überaus interessante Lektion über das Leben in Gabun, speziell Libreville. Insgesamt unterscheidet sich Janis Otsiemi angenehm von südafrikanischen Autoren wie Mike Nicol mit dessen brutalen Gewaltorgien. Er erzählt die Story aus der Sicht der schwarzen Haut, ähnlich wie Malla Nunn.

Fazit: Wenn du das Wasser nicht mit der Gabel trinkst, wirst du merken, dass Libreville anmutend wie ein frischer Luftzug ist. Lies das Buch und du wirst ihn spüren.

— O —

Originaltitel: African Tabloid (Frankreich 2013), die deutsche Ausgabe ist 2017 im Polar Verlag erschienen (Übersetzung: Caroline Gutbert). Mit einem Interview von Alf Meyer mit dem Autor (Übersetzung: Pierre Astier) und einem Glossar, in dem im Roman benutzte gabunische Begriffe erklärt werden, z.B.

* Magne-mille: Polizisten, die Autofahrer abzocken. Das Wort spielt mit der phonetischen Doppelbedeutung von „mil(le)“: „magne-mil“ bedeutet Hirse-Esser, „magne-mille“ sind Leute, die gierig nach Tausendern sind, also nach Geld

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Das Interview ist auch zu lesen in der vom Polar Verlag herausgegebenen Polar Gazette

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6 Antworten zu Janis Otsiemi: Libreville

  1. Stefan Heidsiek schreibt:

    „Libreville“ muss auch noch unbedingt in mein Regal wandern. Wie so eigentlich jeder Titel des Polar Verlags, der uns hoffentlich noch sehr, sehr lange erhalten bleiben wird, denn was Wolfgang Franßen und sein Team da regelmäßig an Perlen ausgraben, ist schon wahrlich beachtlich.

  2. WortGestalt schreibt:

    Schließe mich Stefan an, „Libreville“ steht auch bei mir weit oben auf der Liste für den nächsten Besuch in der Buchhandlung.

  3. Dunkles Schaf schreibt:

    Bei mir ist der Krimi schon ins Regal gewandert – die Herren von Talk.Noir haben mich schon überzeugt, Deine Rezension bestätigt das jetzt.

  4. Franziska Franke schreibt:

    danke für den Tipp. Das werde ich mir zulegen
    Franziska

  5. Pingback: Janis Otsiemi - Libreville

  6. Pingback: Anita Nair: Gewaltkette | KrimiLese

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