Ulf Torreck: Fest der Finsternis

20170206_175022Paris im Jahre 1805. Das Leben ist kein Zuckerschlecken. Nicht für das gemeine Volk, auch nicht für die feudale Crème de la Crème, die zwar rauschende Feste feiert und sich hinter Masken an den abgefahrenen Theaterstücken des Marquis de Sade, aufgeführt im Asyl von Charenton, ergötzt.

Das Fest der Finsternis spielt in dieser Zeit, als nach der Revolution in Stadt und Staat noch immer Machtkämpfe und Intrigen in Politik und Polizeiapparat an der Tagesordnung sind.

In dieses Szenario kehrt Louis Marais aus Brest zurück. Dorthin war er vom französischen Polizeiminister Joseph Fouché „in die Wüste geschickt“ worden, weil er einige Verbrechen so aufgeklärt hatte, wie es dem korrupten und intriganten Fouché nicht gefallen hatte. Nun holt ihn ebendieser Minister zurück und beauftragt den integeren Marais mit der Aufklärung einer eigenartigen Mordserie. Junge Frauen, die kurz zuvor entbunden hatten, werden verstümmelt aufgefunden, von den Neugeborenen keine Spur. Marais findet auch keine Spur, die zum Mörder führt, ein Motiv ist nicht erkennbar. Einzig ein besonderes Kreuz unbekannter Herkunft in der Vagina der ersten Leiche ist Ausgangspunkt für weitere Recherchen. Hilfe sucht Marais bei Marquis de Sade, jenem durch pornographische und kirchenfeindliche Romane berühmt gewordenen Adeligen, dem er zutraut, sich mit derartigen Praktiken auszukennen oder ihm zumindest weiterhelfen zu können.

Das ungleiche Paar – Marais trotz Verlusts von Frau und Sohn gläubig und zunächst mit Gottvertrauen ausgestattet. Der Marquis, so wie er aus der Geschichte bekannt ist, Gotteslästerer, mit seinen Schriften überall aneckend, mit ausgeprägtem, äußerst variablen Sexualleben – zieht durch den Sumpf von Paris bis in die höchsten Etagen des politischen Lebens, vom Armenhaus und den Gitans über das nobelste Hurenhaus der Stadt bis hin zu Außenminister Talleyrand. Sie treffen auf Personen, die ihnen die Bedeutung des speziellen Kreuzes erklären und kommen auf die Spur eines alten Ritterordens, der inzwischen zu einem Satanisten-Orden mutiert zu sein scheint.

Marais und der Marquis bewegen sich auf diesem Weg zwischen den Fronten der Widersacher Fouché und Talleyrand. Ulf Torreck gibt ihnen jedoch genug Zeit und Gelegenheit, das Paris mit den stinkenden Randbezirken, dem gefährlichen Leben auf der Straße und den erbärmlichen Verhältnissen in denen Arme, Huren, Ausgestoßene wie die Gitans leben, zu durchstreifen. Was sie dabei erleben ist faszinierend wie bestürzend. Ebenso schockieren die Machtspiele und Intrigen der hochrangigen Politiker, die Marais und de Sade zu Spielbällen werden lassen.

Die wahren Verhältnisse des beginnenden 19. Jahrhunderts im Staate Napoleons hat sich Ulf Torreck in umfangreichen langjährigen Recherchen erarbeitet und in großartiger Manier zur Basis dieses Thrillers gemacht. Das Sahnestückchen dieser Recherchen ist die Beschreibung des alternden Marquis de Sade, der mit Chuzpe Marais große Teile des gemeinsamen Weges vorgibt und ebnet. Und neben all dieser auf Recherchen beruhenden Fiktion ist schließlich noch der weiße Würfel hervorzuheben, dessen Inneres das große Geheimnis dieses Thrillers beinhaltet. Ein Geheimnis, das selbstverständlich hier nicht verraten wird. Eine Nacht – so berichtete mir der Autor – hat es gedauert, die Anordnung der Räume, deren Ausstattung und Inhalte auf 30 Seiten in einem Blockheft zu skizzieren. (Gern würde ich eine solche Skizze einmal sehen.) So sind in „Fest der Finsternis“ umfangreiche, sorgfältige Recherchen mit außergewöhnlicher Fantasie verknüpft.

Das Ergebnis ist ein grandioser Thriller, überaus facettenreich von amüsant über hart und brutal bis satanisch und gar abscheulich, aber immer fesselnd.

Statt der Ideale „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ hier Marqius de Sades „Der Mensch ist ein schönes, böses Tier“.

— O —

Fest der Finsternis ist 2017 erschienen. Es ist der erste historische Thriller des Autors, der zuvor unter dem Namen David Gray Kriminalromane wie Kankenblues und Kriminalgeschichten veröffentlicht hat.

Zu Fest der Finsternis gibt es eine „Vorgeschichte“, Vor der Finsternis, die wenige Wochen vor Erscheinen dieses Thrillers als E-Book veröffentlicht wurde.

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3 Antworten zu Ulf Torreck: Fest der Finsternis

  1. Pingback: Den Gehirnwindungen Ulf Torrecks entnommen | KrimiLese

  2. karu02 schreibt:

    Ja, ich denke, das nehme ich, nicht nur wegen der Zeichnungen. Besten Dank fürs Vor-Lesen.

  3. Pingback: [Rezension] Fest der Finsternis | Fluchtpunkt Lesen

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