Adrian McKinty: Rain Dogs

20170204_142748Kann es sein, dass Ermittler ein zweites Mal in seiner Karriere in einem unnatürlichen Todesfall ermittelt, der innerhalb eines geschlossenen Raums geschah, einem „locked-room-mystery“? Dieser Ermittler wäre DI Sean Duffy, der katholische Bulle im nordirischen Carrickfergus, einer Kleinstadt an der Bucht von Belfast. Duffy zweifelt an dieser Möglichkeit. Dann wäre es Selbstmord. Die tote Journalistin war gerade damit beschäftigt, in einer brisanten Angelegenheit zu recherchieren. Eine Enthüllungsstory, in die hochrangige Mitglieder von Polizei, Justiz und Politik verwickelt zu sein schienen. Über Korruption sowie die Unterstützung oder zumindest Duldung perverser Elemente wollte Sie berichten, nun liegt ihre Leiche eines Morgens im Hof von Carrickfergus Castle, einer Festung, die sicherer nicht sein könnte: umgeben von unüberwindbaren Mauer, mit einem durch ein tonnenschweres Eisengitter gesichertes Tor. Keine geheimen Gänge führen hinein/heraus. Unmöglich ist es für einen Mörder, das gesicherte Castle zur Zeit des Todeszeitpunkts in der Nacht zu betreten und zu verlassen.

Trotzdem weisen Indizien darauf hin, dass die Journalistin ermordet wurde – so sieht es Sean Duffy. Zum Glück hat Duffy in seiner Mannschaft einen jungen Kollegen mit Mathematikstudium, der ihn auf Bayes‘ Theorem hinweist, einen Satz aus der Wahrscheinlichkeitstheorie, nach dem auch Unwahrscheinliches eintreffen kann. Und so geht Duffy seinen Weg zur Lösung dieses „locked-room-mystery“. Flapsig erzählt er seine Geschichte, die im Jahre 1987 spielt, der Zeit der Bombenattentate und Polizistenmorde der IRA in Ulster, als Duffy jedes Mal, bevor er in seinen BMW steigt, unter den Wagen sieht, denn es könnte ein Sprengsatz mit einem Quecksilberzünder drunter sein.

Dieses „Unterm-Auto-nach-Sprengsatz-Suchen“ praktiziert der DI auch, als er frühmorgens in ein Hotel gerufen wird, in dem einem Gast die Brieftasche gestohlen worden sein soll. Der Gast ist der Leiter einer Delegation finnischer Geschäftsleute, die auf Einladung der nordirischen Regierung alte Fabriken anschauen sollen, um in diesen eine Produktion für Handys aufzunehmen. Um Investitionen und Arbeitsplätze geht es. Die Delegation wird von nordirischen Politikern und einem Securitymann begleitet, der sich als ehemaliger Kollege Duffys entpuppt. Im Umfeld dieser Gruppe bewegt sich die Journalistin Lily Bigelow, die offensichtlich für die London Times über den Besuch der potenziellen Investoren berichten soll. Einen Tag später liegt sie dann tot im Hof des Castles, das sie mit der Delegation und den Begleitern besichtigt hatte. Duffys Skepsis am Freitod führt ihn zu einer Einrichtung, in der jugendliche Straftäter sich frei bewegen können und so nach einem skandinavischen Modell nach modernsten Erkenntnisse zur Wiedereingliederung vorbereitet werden. Von dort kommt er in Kontakt mit Jimmy Savile – und dann ist klar, in welche Richtung die Ermittlungen gehen, wie die Art der Enthüllungen sein könnte, die Lily Bigelow veröffentlichen wollte.

An dieser Stelle ein kleiner Einschub: Im Nachwort betont Adrian McKinty, dass die Geschichte, die hier erzählt wird, erfunden ist. Dass sie sich jedoch auf einen Bericht bezieht, den der Autor 2013 über Jimmy Savile, den berühmten Discjockey und Moderator der BBC gelesen hat. Savile wurde nach seinem Tod (2011) vorgeworfen, in Hunderten von Fällen Minderjährige – meist Mädchen – sexuell missbraucht zu haben. Scotland Yard nannte ihn den schlimmsten Sexualverbrecher in der Geschichte des Landes.

Während der Ermittlungen wird ein Kollege Duffys durch einen Sprengsatz zerfetzt. Duffy kann nur knapp zunächst einem und dann einem zweiten Attentat entgehen. Es sind eindeutige Versuche, alle Bemühungen, die zur Aufklärung des Todes der Journalistin führen, zu torpedieren. Doch Duffy lässt sich nicht beirren, kommt hinter die Machenschaften der scheinbaren Biedermänner und hochgeschätzten Persönlichkeiten, die mit Unterstützung der IRA-Paras ihren Gelüsten frönen können. Das Skandalöse daran ist – so schreibt Mc Kinty im Nachwort -, dass Akten über real geschehene Vorfälle, die bereits 1986 in Teilen bekannt wurden, z.B. in einem Jungenheim in Kincora, bei der routinemäßigen Veröffentlichung der Regierungsakten im Jahre 2013 verschwunden waren oder über einen angeblichen Prostitutionsring im Umfeld des Heims erst 2033 geöffnet werden dürfen. McKinty macht eindrucksvoll bewusst, wie das System den sexuellen Missbrauch Minderjähriger in jener Zeit gedeckt hat und offenbar Beteiligte heute noch immer deckt. Aber das ist ja bekanntlich nicht nur ein britisches oder politisches Phänomen.

Rain Dogs, das sind im gleichnamigen Song von Tom Waits die armen Schweine der Gesellschaft. McKinty benutzt diesen Ausdruck in seinem Roman nicht explizit. Dass Mc Kinty unabhängig von den hier Mißbrauchten alle Opfer dieser Verbrechen sind, daran besteht kein Zweifel.

Erstaunlich ist, wie Adrian McKinty aus diesem Locked-Room-Rätsel den Bogen zu Typen wie Jimmy Savile spannt. Es ist nicht nur Spannung, die er damit erzeugt sondern auch Empörung – zurück bleibt dann aber nur die Ohnmacht, die Resignation, denn die „Aufarbeitung“ können wir nicht beschleunigen. Aber abgesehen von unseren unguten Gefühlen: McKintys katholischer Bulle DI Sean Duffy hat mit Beharrlichkeit und unerschrockenem Vorgehen wieder sein Bestes gegeben. Das hat gefallen!

— O —

Originaltitel: Rain Dogs (UK 2015), dt. 2017 (Übersetzung: Peter Torberg)

Rain Dogs ist der 5. Band der Sean-Duffy-Reihe. In Die verlorenen Schwestern mußte Duffy zum ersten Mal ein „locked-room-mystery“ lösen.

Mehr zu Jimmy Savile bei Wikipedia

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Eine Antwort zu Adrian McKinty: Rain Dogs

  1. Dunkles Schaf schreibt:

    Ich hab grad erst „Die verlorenen Schwestern“ gelesen – Locked-Room-Mysteries scheinen McKinty zu gefallen. 🙂

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