Ross Thomas: Protokoll für eine Entführung

img_6133Der amerikanische Botschafter in Jugoslawien, Amfred Killingsworth, ist entführt worden und nun soll es Philipp St.Ives regeln. Als Mittelsmann zu den Entführern soll er dafür sorgen, dass der Entführte in die USA zurückkehrt und mit ihm ein Literaturnobelpreisträger und dessen Enkelin.

Also wird ein Mittelsmann engagiert und die Regeln werden ausgesetzt. Danach werden die Regeln wieder hergestellt, und das System versucht wieder, die zu fangen oder zu bestrafen, die seine Regeln mißachtet haben.“

Ein verzwickte Aufgabe, zu der St.Ives vom US-Außenministerium in erpresserischer Weise gedrängt wird. Eine eigenartige Konstellation, ist doch der unfreiwillige Mittelsmann in seiner Zeit als Journalist  von dem Entführten geschasst worden, als dieser Chefredakteur einer Zeitung war. Chefredakteur! Unfähig, aber nachdem er die Tochter des Herausgebers geschwängert hatte, von Schwiegervaters Gnaden auf dem Chefsessel gesetzt. Und jetzt? Tito regiert Jugoslawien. Dem Botschafter, auch in dieser Funktion durch Unfähigkeit glänzend, wurden von einem jugoslawischen Ex-Geheimdienstler brisante Geheimnisse anvertraut und Killingsworth hat nichts Besseres zu tun, als  sich in die hübsche Enkelin des in Vergessenheit geratenen Dichters zu verknallen. Um schlimme politische Verwicklungen zu vermeiden, kidnappt ein amerikanischer Geheimdienst im Auftrag des Außenministeriums den eigenen Mann.

St.Ives protokolliert die Aktionen, die er durchführen muss, um den Botschafter aus den Händen der „Entführer“ zu befreien und politische Verwicklungen möglichst zu vermeiden. Mit Spott und Humor erzählt er diese Geschichte, in der St.Ives zum Teil schnell erkennt, welche Interessen Freund und Feind verfolgen, denn dumm ist er nicht. Und so erkennt er auch falsches Spiel und falsche Fährten. Als Ich-Erzähler zeichnet sich St.Ives als Superman, der gern selbst bestimmt, wie die Aktionen ablaufen, und der von sich sagt: „Ich antwortete mit ein paar Lügen, wenn ich musste, und mit der Wahrheit, wenn Lügen sinnlos waren.“ Letztlich kann der Mittelsmann froh sein, als seine Mission zu Ende ist und erkennt, dass er nicht viel mehr als eine Marionette in den Händen des Außenministeriums war – zu dem Zweck, „das System zu beschützen, das uns beschützt“.

Das Protokoll für eine Entführung ist ein Thriller, der nicht von der Verbissenheit der Helden bei der Erfüllung ihrer Mission geprägt ist, sondern von der kritischen Distanz des Helden zu seinem Handeln, dessen Auftraggebern und Widersachern lebt. Das ist Ross Thomas hervorragend mit Philipp St.Ives und dessen Protokoll gelungen.

— O —

Originaltitel: Protocol for a Kidnapping (USA 1971), dt. 2016 als erste vollständige Ausgabe im Alexander Verlag Berlin erschienen. Übersetzt von Wilm W. Elwenspoek, bearbeitet von Jana Frey und Jochen Stremmel.

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