Michael H. Rubin: Cottoncrest

img_6083Cottoncrest ist ein historischer Kriminalroman, der überwiegend im Louisiana des Jahres 1893 angesiedelt ist.

Cottoncrest ist zugleich eine Geschichtsstunde über die Rassentrennung und -diskriminierung beginnend mit dem Ende der Sklaverei nach der Niederlage der Konföderierten im Sezessionskrieg im Jahre 1865. Darin wird beschrieben wie das Jim-Crow-Gesetz (1876, Jim Crow war ein umfassendes System zur Aufrechterhaltung einer Rassenhierarchie in allen Bereichen der amerikanischen Gesellschaft. Quelle: Wikipedia) ) und die Gerichtsentscheidung um getrennte Eisenbahnabteile (1896 – Grundsatz: separate but equal) die Trennung manifestierte  Die Geschichtsstunde reicht bis ins Jahr 1961, einer Zeit, in der die Bürgerrechtsbewegung versuchte, die Rassentrennung und die alten Gesetze aufzuheben.

Auf Cottoncrest, einer riesigen Plantage mit feudalem Herrensitz, war die Welt für die weißen Bewohner 1893 noch weitgehend in Ordnung. Zwar hatte sich der Besitzer nach Ende des Sezessionskriegs erschossen, weil im Krieg angeblich alle seine Söhne gefallen waren. Aber das Leben ging weiter, zumal einer der Söhne zwar versehrt aber doch lebend zurückgekehrte. Doch dann passierte es: Dieser Sohn, der Colonel, wurde tot im Herrenhaus aufgefunden. Er lag erschossen auf der Leiche seiner Frau, der die Kehle durchtrennt worden war.

Jake Gold, einem fahrenden Händler, werden die Morde angehängt. Nicht nur der Sheriff macht sich auf die Suche nach Jake Gold, einem Juden, der aus Russland vor der Verfolgung durch Kosaken geflohen und schließlich nach einer langen Reise durch Europa in den USA gelandet ist, sondern auch ein Klan aus rassistischen und gewalttätigen Weißen. Der Anführer dieser Ritter hat nur eines im Sinn, den „Judenkrämer“ aufzuspüren und sofort zu töten. Aus gutem Grund, denn er hält sich für den Erben von Cottoncrest, nachdem das Besitzerehepaar kinderlos gestorben ist.

Der Krimi ist auch die Geschichte des Jake Gold, der ehrlich und anständig bis zu dem Vorfall in Cottoncrest gleichermaßen mit Weißen und Schwarzen seine Geschäfte abgewickelt hat, der respektvoll zu jedermann war und von allen geachtet wurde. Nun aber, als Mörder von den Klu-Klux-Klan-Rittern auserkoren, ist sein Leben nicht mehr sicher. Er flüchtet, unterstützt von diskriminierten Schwarzen, mit einem Geheimnis, das er mit einigen Bediensteten von Cottoncrest teilt.

Ein Nachkomme des jüdischen Händlers besucht im „Heute“ mit seiner Enkeltochter noch einmal Cottoncrest, wo er 1961 als Bürgerechtsaktivist das Geheimnis gelüftet hat. Heute erzählt er es der Enkelin.

Michael H. Rubin erteilt in Cottoncrest eine interessante Lektion über die Rassendiskriminierung in den Südstaaten, speziell Louisiana. Es gelingt ihm, mit Jake Gold einen Protagonisten darzustellen, den er sehr detailliert charakterisiert und als Wanderer zwischen Weiß und Schwarz darstellt, bis ihm das Vertrauen der Weißen wegbricht. Und dabei passiert es, dass der Krimi teilweise zu einer Schwarz-Weiß-Malerei verflacht: Schwarz ist gut, Weiß ist böse – und wenn das „Fast-Weiße“ als „Nicht-Weiß“ erkannt und definiert wird, ist es entweder auch böse oder im besten Fall bricht für Weiß eine Welt zusammen. Die Welt von Cottoncrest.

Der Weg Jake Golds ist ein spannender, der Untergang des Hauses Cottoncrest ein dramatischer. Die Diskriminierung der „Jim Crows“ ein verwerflicher. Der Weg aus der Diskriminierung ein langer, vermutlich nie zuende gehender. Und so ist – trotz  Schwarz-Weiß-Malerei – dieser Kriminalroman eine interessante und unterhaltsame Lektüre. Wobei wir wissen, dass die Worte Lydon B. Johnson in Zusammenhang mit der Unterzeichnung des Civil Rights Act im Jahre 1964 noch heute so gesprochen werden können: Wir glauben, dass alle Menschen gleich sind. Doch vielen wird gleiche Behandlung verweigert.

— O —

Originaltitel: The Cottoncrest Curse (USA, 2014), dt.2016 (Übersetzung: Karen Witthuhn, herausgegeben von Thomas Wörtche)

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3 Antworten zu Michael H. Rubin: Cottoncrest

  1. TW schreibt:

    Lieber Herr Elph, merci, ich freue mich natürlich über Ihre Kritik, fein. Ein winziges Problem habe ich allerdings mit Ihrem Punkt: Böse/gut-, schwarz/weiß-Quotierung. Schließlich geht es ja um eine, wenn auch utopische (according to Hans Mayer) Solidarität von Außenseitern – und da sind eben auch noch die Cajuns, die im Buch eine wichtige Rolle spielen. Und die sind weiß wie Jake Gold, wenn auch katholisch und deswegen genauso dem Haß des KK ausgesetzt. Fehlte jetzt nur noch ein böser Schwarzer – und genau das wäre mir dann doch too much pc quotiert. Cheers TW

    • Philipp Elph schreibt:

      Lieber TW, „political correctness“ wäre auch mir hier too much. Die Bedeutung der „Solidarität von Außenseitern“ sehe ich ebenso, wobei „Schwarz“ in meiner Betrachtung das Nicht-Weiße aus der Sicht der weißen Rassisten wie dem Klan darstellt und ebenso Jake Gold und die Französisch sprechenden, zudem noch katholischen Cajuns mit einbezieht. Das habe ich explizit so nicht ausgedrückt. Mein Fehler.
      Gestört habe ich mich, das wird mir jetzt klar, besonders an der totalen Solidarität der Außenseiter.
      Dazu: Danke für den Hinweis auf Hans Mayers „Außenseiter“.
      Gruß, PE

  2. TW schreibt:

    Lieber Herr Elph, naja, diese Solidarität ist ja eben das utopische Moment, der Vor-Schein (von Mayer zu Bloch ist es ja nicht weit) und das darf Literatur ja ruhig haben. Anyway, herzlich TW

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