Jon Bassoff: Zerrüttung

20170105_154218Finstere Bücher in finsteren Zeiten. Oder für finstere Zeiten? Schon okay, denn ausgerechnet Kriminalliteratur ist für Bespaßung eher weniger geeignet.“ Mit diesen Sätzen stellt das CULTURMAG die Rezension dieses Buches vor (Rezensent Thomas Wörtche).

„Zur Bespaßung weniger geeignet“, aber das ist gerade der Spaß beim Lesen dieses Noirs, dessen Orignialtitel „Corrosion“ den Inhalt noch besser trifft, als das Wort „Zerrüttung“.

Korrosion, das ist das Zerfressen von Metall, zunächst recht harmlos beginnend – kaum sichtbar, lange unbemerkt – später mit fatalen Folgen. So auch in Zerrüttung. Bei Joseph Downs ist dieser Prozess bereits sehr weit fortgeschritten, als er mit seinem Auto nahe dem kleinen Kaff Stratton landet. Kriegsverteran Downs, dem durch eine explodierende Minenfalle das Gesicht zerfetzt wurde, der Kerl, der auf dem Weg zu seinem alten Zuhause bei einer Frau landet, in die er sich verknallt, ihren brutalen Mann ermordet. Aber eine gemeinsame Zukunft soll es nicht geben. Für die abgetakelte ehemalige Kleinstadtschönheit war er nur die Waffe, die den Ehemann tötete. Wir erfahren diese Geschichte und was damals in Mossul passierte aus Downs Mund, erleben sein Trauma, die Zerrüttung von Körper und Geist.

Im zweiten Teil des Krimis  erzählt Benton Faulk seine Geschichte. Die eines zunächst Sechzehnjährigen, geistig Zurückgebliebenen, der bedingt durch üble häusliche Verhältnisse und Realitätsverlust als Psychopath durch Leben stolpert. Wir erkennen sein Trauma, die Zerrüttung von Körper und Geist.

Trauma hier, Trauma da. Dazu die Begegnungen beider mit dem Wanderprediger, der Huren, Säufern, eigentlich allen, die er trifft, die Hölle prophezeit, wenn sie sich nicht von ihren Lastern abwenden. Der Prediger, der nur die Wege des Teufels kannte, in dem sich der Leibhaftige breit gemacht hatte, der schließlich getan hat, was ihn zu solch einer Figur machte, der von sich sagte: „Ich bin ein Prophet Gottes!“

Zurück bleibt der Leser. Er fragt sich wie Joseph Downs: „Die Wahrheit, was ist die Wahrheit?“ und er überlegt, was er gelesen hat: Krankheit oder Lüge, Wahrheit oder Traum.

Der Leser fügt Puzzle-Teile zusammen, die ihm Jon Bassoff hingeworfen hat, setzt Teil an Teil, Dunkelheit an Dunkelheit, vermisst einige Teile. Fehlende Teile, die schwarze Flecken zurücklassen.

Wer sich auf das Leben von Joseph Downs, Benton Faulk und auch Reverend Wells einläßt, muss mit dem Ergebnis der Zerrüttung, der Korrosion, dem Zerfressen leben.

Meine Empfehlung: Lesen, sich aber von Ereignissen, Personen und deren Traumata nicht fressen lassen.

Ein finsteres Stück Kriminalliteratur, zur Bespaßung weniger geeignet, für Freunde des Noirs mit Vergnügen zu lesen.

— O —

Originaltitel: Corrosion (USA 2013), dt. 2016 (Übersetzung: Sven Koch), erschienen im Polar Verlag. Mit einem ausführlichen Interview Alf Mayers mit dem Autor.

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