Patrick McGinley: Bogmail

img_6048Man stelle sich vor: Ein kleines Kaff im irischen Donegal mit Dorfkäuzen und Zugewanderten. Die meisten davon täglich vereint nach der Arbeit oder statt der Arbeit im Pub. Vereint bei Gesprächen über Tagesgeschehen und Weltpolitik, herrliches ländliches Idyll. Ein scheinbares Idyll. Denn so friedlich, wie dieses Szenario oberflächlich betrachtet erscheint, ist es nicht.

Pubwirt Tim Roarty ermordet seinen Barkeeper, weil er ein Verhältnis seiner lieben Tochter mit dem windigen Typen vermutet. Das Mordwerkzeug ist außergewöhnlich, es ist der 25. Band der Encyclopædia Britannica (Ausgabe 1911), mit dem per deftigem Schlag auf den Kopf gemordet wird. Die Beseitigung des Toten nachts im Moor verläuft dagegen unspektakulär, nur anscheinend nicht unbemerkt. Denn Roarty wird in der Folgezeit erpresst von jemanden, der die Briefe mit „Bogmailer“ unterschreibt. Der Erpresser (engl. Blackmailer) verknüpft den einen Begriff mit anderen „Bog“, das Moor bedeutet – und somit ist auch der Titel des Buches erklärt.

Wer so ein geniales Wort erfindet, der kann nach Meinung des Pubwirts nicht der Dümmste sein, und so beobachtet er in der Folge seine Stammgäste und versucht zu ergründen, wer denn der Bogmailer sein könne, schmiedet Pläne, was er tun könne, um den Erpresser mundtot zu machen.

Sogar der Polizist gerät in den Verdacht, den Brief und weitere folgende geschrieben zu haben, ein Ehrgeizling, der sich um Bagatellen wie Schwarzbrennereien, kleine Gaunereien und die Gefahren von Brucellose und Jakobskreuzkraut kümmern muss, lieber aber einen Mord aufklären würde. So geht das Leben im Dorf und im Pub weiter. Mit Intrigen, einer Liebelei, dem Liebesleben des impotenten Roarty, Auseinandersetzungen mit dem örtlichen Priester, der ein völlig unpassendes Kirchengebäude errichten lassen will, das nach Ansicht der Stammgäste von Roartys Pub zudem mit einem unmöglichen Kalksandsteinaltars ausgestattet werden soll, wo es doch der alte hölzerne auch noch täte.

McGinley beschreibt eine fragile Balance der verschiedenen Interessen dieser derben Käuze, zwischen denen sich ein pfiffiger Pope, ein zugereister englischer Geologe und die liebliche Hauswirtschafterin des Pfarrers bewegen. Letztlich rückt der Mord am Barkeeper und dessen Aufklärung in den Hintergrund, während Roarty noch überflüssige Versuche unternimmt, von der Mördersuche abzulenken. Der Dorfalltag, das Zwischenmenschliche der Bewohner bestimmt das Denken und Handeln. Wenn dann der Bogmailer von Roarty identifiziert wird, bewegt diese Erkenntnis den Erpressten weit weniger als ein entgangenes Geschäft, den Kauf eines Ackers. So geht das Leben im irischen Kaff weiter. Der Engländer verlässt das Dorf, der Pope bekommt die Kirche und den Altar, den er haben will und wenn Roarty seit der Zeit als dieses Buch geschrieben wurde – 1978 – noch nicht gestorben ist, wird er noch immer sein bester Gast sein und seinen zweitbesten kräftig einschenken.

Bogmail ist ein Roman, bei dem geschmunzelt werden kann. Mit amüsanten Beschreibungen vom Denken und Handeln der Hinterwäldler, die nicht nur bauernschlau sondern teilweise auch höchst gebildet über das Leben von Regenwürmern bei anhaltender Trockenheit wie auch über die Vermessenheit des Klerus debattieren können. McGinley versteht es zudem, seinen Lesern das Interesse am Ausgang der Geschichte um Mord und Erpressung zu erhalten. Ein spannendes und amüsantes Stück über irisches Land- und Publeben – wie es bestimmt einmal gewesen oder auch (in meinen Träumen) noch immer ist.IMG_6047.JPG

Originaltitel: Bogmail (UK 1978), dt.2016 (Übersetzung: Hans-Christian Oeser)

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Eine Antwort zu Patrick McGinley: Bogmail

  1. Petra Wiemann schreibt:

    Klingt skurril. Ich mag diese Krimis, bei denen nicht der Mord im Vordergrund steht, sondern die etwas seltsamen Figuren. Danke für den tollen Tipp!

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