Raub der Illusionen. Michael Tsokos: Sind Tote immer leichenblass?

img_1308Skeptiker und kritische Krimifans vermuteten es von jeher (und wussten es auch), dass vieles, was sich in den Szenen in der Rechtsmedizin und um die Rechtsmediziner in Romanen, Fernsehserien oder Filmen abspielt, nicht den realen Abläufen entspricht.

Michael Tsokos, Rechtsmediziner und Leiter des Instituts für Rechtsmedizin an der Charité in Berlin, zudem zusammen mit Sebastian Fizek Thrillerautor, True-Crime-Thriller-Autor mit Andreas Gößling und Verfasser etlicher Sachbücher über Fälle in der Rechtsmedizin, raubt nun mit „Sind Tote immer leichenblass?“ die Illusionen vieler Krimifreunde beziehungsweise bestätigt, was kritische Zeitgenossen schon immer vermutet haben:

  • Die Arbeit der Rechtsmediziner unterscheidet sich erheblich von den fiktionalen Darstellungen
  • Dramaturgische Effekte und Spannungsbögen erfordern andere Handlungsabläufe als in der Rechtsmedizin ethisch, gesetzlich und praktisch üblich oder vorgeschrieben
  • Rechtsmediziner sind auch ganz normale Menschen – meistens jedenfalls.

In 40 Kapiteln beschreibt Michael Tsokos sehr unterhaltsam, was bei Professor Boerne, Dr. David Hunter und dessen Kollegen falsch läuft und was sonst noch an falschen Vorstellungen herumgeistert. Er erläutert den Unterschied zwischen Rechtsmedizinern und Pathologen, klärt uns auf, dass Tote nie von ihren Angehörigen oder Bekannten im Sektionssaal identifiziert werden und Leichen nie leichenblass sind. Viele Klischees werden entzaubert, Irrtümer beschrieben und die Realität geschildert.

p1030529Das alles geschieht in einem lockeren Ton. Michael Tsokos erzählt anschaulich. So, wie er das vor einigen Tagen bei der Vorstellung des Buches auf der Frankfurter Buchmesse im Gespräch mit Günter Klein gemacht hat, nie dozierend, oftmals zum Schmunzeln. Und das ist es, was am Buch gefällt: Informationen über das wahre Leben in der Rechtsmedizin und ihrer „postmortalen Klugscheißer“ – wie die Rechtsmediziner auch genannt werden, natürlich zu Unrecht.

Zum Schluss meine Bitte an Autor*innen, Drehbuchautor*innen & Co: Versucht nicht, alle Irrtümer und Fehler, die Michael Tsokos hier beschrieben hat, zu vermeiden, auch wenn ihr immer wieder der Ruf nach Authentizität hört. Wir wollen Spannung in den Krimis! Nur lasst dieses Einschmieren mit der Mentholpaste weg. Nennt Rechtsmediziner nicht mehr Pathologen, aber ob sie saufen oder nicht, ist mir Wurscht. 

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Michael Tsokos: Sind Tote immer leichenblass?, erschienen 2016 bei Droemer

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