Christian Roux: Der Mann mit der Bombe

img_0669Um es gleich am Anfang zu sagen: Dies ist nicht die Story eines Bombenattentäters, sondern die eines bedauernswerten Kerls, der während der Wirtschaftskrise in Frankreich arbeitslos geworden ist und einen neuen Job sucht, um seine Familie zu ernähren und die Ehe so halbwegs am Leben zu halten. Es ist ein aussichtsloses Vorhaben, dass der ehemalige Toningenieur Larry betreibt: keine Chance für ein Jobangebot im alten Beruf, überqualifiziert für einfache Tätigkeiten, zu alt, chancenlos in Vorstellungsgesprächen. Aussichtslos. Gedemütigt von denen, die Jobs zu vergeben haben.

Letzter Versuch: Larry baut sich eine Bombenattrappe, nimmt sie mit zu seinem letzten Vorstellungsgespräch. Wissend, dass es sein letztes sein wird. Und die Attrappe zeigt Wirkung. Hysterie und Todesangst auf der anderen Seite, als Larry seinen Angstmacher unter dem Mantel hervorholt. Genugtuung, die ihn nicht wirklich weiterbringt.

Das Kapitel „Jobsuche“ ist beendet, Larrys letzter Ausweg: in eine Bank gehen, Attrappe zeigen, Geld einsacken, Familie glücklich machen. Doch auch dieser Plan misslingt, denn zusammen mit ihm betritt Lu die Bank, ihr Ziel „Bankraub“. Sie ist schneller als Larry, entschiedener. Im Gefolge hat sie ein paar Komplizen mit echten Waffen, eine davon tötet. Doch als Larry seine „Waffe“ zieht, ist es vorbei. Er nimmt Lu als Geisel und verschwindet mit ihr – ohne Geld.

Was nun folgt ist eine wilde Jagd mit diversen Autos durch Frankreich, auf dem flachen Land werden einige Postfilialen ausgeraubt. Dabei klettet sich Lu an Larry. Die zunächst toughe Frau erweist sich als orientierungslos, Larry dagegen weiß, dass ein Leben à la Bonnie & Clyde keine Zukunft für ihn hat. Sein Ziel, den Teil der Beute Frau und Kind zu übergeben, dann die Attrappe ein letztes Mal einzusetzen.

Das Paar durch Frankreich zu verfolgen, erscheint vordergründig amüsant. Der schon etwas ältere Schwarze, von biederen Einwanderern zu einem braven, strebsamen Bürger erzogen, bricht mit seinem alten Leben. Lu, rothaarig und zuweilen auf dem Trip unter einer blonden Perücke verborgen, blickt zurück – meist ohne Zorn – auf ein kaputtes Leben und jahrelangem Missbrauch durch ihren Vater. Versteht Larry nicht, weil er „keinen Sex mit ihr haben will“.

Doch dieser Kriminalroman ist mehr als das Spiel mit der Bombenattrappe, dem Raubzug durch die Postfilialen, die Spannungen zwischen Lu und Larry. Er schildert besonders das Leben Larrys, das Leben vor dem Bau der Bombe. Das zunächst bürgerliche Leben, das vom Willen seiner Eltern geprägt war, als Schwarze wie Franzosen in ihrer neuen Umgebung zu leben. Larrys große Liebe zu Mary-Line, mit der er ein rauschendes Leben führte, das zu schnell mit dem Krebstod der von Mary-Line zu Ende ging. Die Ehe danach mit Sophie und als Vater einer kleinen Tochter, brachte ihn ins bürgerliche Leben zurück. Im Rückblick erkennt Larry, dass nur das wilde Leben vor Sophie sein echtes Leben war, dass Lu ihn daran und an Mary-Line erinnert. Aber er weiß, es ist vorbei mit den alten Zeiten. Sie werden trotz Lu nicht zurückkehren.

Und so kommt es zum Abschied von allem und allen, immer mit der Bombe in der Hand.

Der Mann mit der Bombe ist ein Kriminalroman, der viele Elemente vereint: Komisches und Trauriges neben Spannung, die große Liebe, Verlogenheit der Gesellschaft, Ausweglosigkeit des Individuums in speziellen Situationen, auch mit einer Bombe in der Hand – und letztlich ist es egal, ob sie echt oder Attrappe ist.

Der Mann mit der Bombe fasziniert und lässt mich einer schnell und schnörkellosen erzählten Story folgen.

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Originaltitel: L’homme à la bombe (Frankreich 2012), dt. 2016 (Übersetzung: Cornelia Wend), im Polar Verlag erschienen

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Eine Antwort zu Christian Roux: Der Mann mit der Bombe

  1. Muss ich auch mal lesen.

    Liebe Gruesse

    Monika

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