Elisabeth Florin: Commissario Pavarotti spielt mit dem Tod

IMG_0894Große Probleme gibt es zunächst im dritten Band der Commissario Pavarotti Reihe. Der Commissario ist nach dem versehentlichen Schuss in den Kopf seiner neugierigen aber äußerst wertvollen Helferin Lissie von Spiegel (nachzulesen in Commissario Pavarotti küsst im Schlaf) suizidgefährdet und Lissie kann sich zunächst an fast nichts mehr außer ihren Namen erinnern. Sie leidet an einer stark ausgeprägten retrograden Amnesie. Es wird ein langer Weg, bis es für die beiden gut endet – soviel sei verraten, gut 360 Seiten, bevor der unglücklich in Lissie verliebte Pavarotti wieder Zugang der Frau findet, die fast durch seine Unentschlossenheit gestorben wäre -.

Aber dieses Hadern mit sich selbst ist nicht Pavarottis einziges Problem. Als in einem abrissreifen Gebäude in einem entlegenen kleinen Dorf oberhalb von Meran die Leiche eines seit vielen Jahren vermissten Kindes gefunden wird, erinnert sich Pavarotti wieder an den alten Fall. Zusammen mit seinem damaligen Chef, einem Alkoholiker, hatte er es nicht geschafft, das Verschwinden des Jungen aufzuklären. Der Commissario weiß, dass er damals einen großen Fehler gemacht hat. Die Eltern des Jungen verkrafteten den Verlust nicht. Der Vater, der zunächst für das Verschwinden verantwortlich gemacht wurde, starb offensichtlich durch Messerstiche seiner Frau. Sie hängte sich danach auf. Obwohl Pavarotti wusste, dass der Vater ein Alibi hatte, zögerte er, diese Erkenntnisse bekannt zu machen. Sein Versagen und eine Mitschuld am Tod des Kindesvaters unterdrückte er seit jener Zeit. Nun muss er den wahren Mörder des Kindes suchen. Unterstützt wird er dabei tatsächlich durch Lissie, mit der er in das Bergdorf fährt. Und dieses Bergdorf ist es, was in Lissie wieder Erinnerungen weckt. Hier war sie irgendwann einmal. FRÜHER wie sie sich ganz schwach erinnert.

Das Dorf selbst ist ein Ort zum Gruseln. Verschlossene, abweisende Bewohner, einige mit eigenartigem Verhalten, nicht ganz richtig im Kopf. Ein Dorf ohne Hunde – und das hat seinen Grund. Ein Dorf, in dem es für Lissie und Pavarotti gefährlich wird. Darin der Commissario mit barschem Verhalten Lissie gegenüber und Lissie, die in ihm nicht den fürsorglichen Freund erkennt.

Es ist ein chaotisches Szenario, in dem sich die beiden bewegen, schwierig das Verhalten zwischen den beiden und noch schwieriger das Verhältnis zum Rest der Welt. Das sind die Menschen in dem Dorf und es sind diejenigen, zu denen Pavarotti eine Fährte nach Meran aufnimmt. Zudem ereignen sich mysteriöse Zwischenfälle, die keinen Personen im Umfeld der alten und neuen Ermittlungen zuzuordnen sind. Aber wie es so bei Pavarotti ist, er kommt der Lösung und Lissie ihrer Vergangenheit immer näher.

Damit beschreibt Elisabeth Florin nicht nur schicksalhafte Episoden im Leben ihrer beiden Protagonisten, sondern auch die dunklen Seiten von Liebe und Hass in dem kleinen Bergdorf. Auch wenn der Kriminalroman in der Gegenwart spielt, so erzählt die Autorin in diesem Buch wiederum ein kleines Stück Südtiroler Geschichte: Die Entstehung des Vernagt-Stausees, der ohne Rücksicht auf die Bewohner des Dorfes Vernagt und ohne deren Befragung in die Landschaft gesetzt wurde, bei dessen Flutung 1957 das Dorf mit Kirche und einigen Gehöften im Wasser verschwand.

Elisabeth Florin weicht in diesem dritten Fall des Commissarios vom Schema eines Whodunit mit Geplänkel zwischen Pavarotti und Lissie unter Einbeziehung früherer historischer Ereignisse in und um Meran ab. In Commissario Pavarotti spielt mit dem Tod geht es um die Aufarbeitung von Fehlern aus der Vergangenheit, den Umgang mit dem Versagen und der Schuld des Kommissars und bei Lissie um die Verarbeitung eines alten Traumas unter Rückkehr in ein Leben in das ein Teil der Erinnerungen wieder zurückkehrt.

Ob nun bei Lissie alles so psychologisch erklärbar ist, spielt keine Rolle. Die spezielle Art, wie Elisabeth Florin diesen Prozess beschreibt, ist bemerkenswert. Hier wird gezeigt, dass die Suche nach Motiv und Mörder nicht auf eine eindimensionale Geschichte beschränkt sein muss. Somit ein interessanter Fall, der zudem durch Pavarottis Umgang mit seiner Vergangenheit und Lissie Schicksal beeindruckt.

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Erschienen: 2016

 

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