Jesper Stein: Bedrängnis

IMG_0621Skandinavische Kommissare zeichnen sich in Krimis oft dadurch aus, dass sie Melancholiker sind oder saufen oder drogenabhängig oder sexbesessen sind. Zudem bewegen sie sich bei ihren Ermittlungen häufig am Rande der Legalität oder gehen noch ein Stück weiter.

Vizekriminalkommissar Axel Steen von der Kopenhagener Kripo verhält sich partiell untypisch: Er ist kein Melancholiker.

Aber was ist typisch, was untypisch in dieser Gemengelage, von der Jesper Stein seinem dritten Fall für Kommissar Stein erzählt.

Axel Steen ist am Tiefpunkt angelangt, kokst, säuft, lässt sich von einer Stripperin und deren kriminellen Hintermännern linken. Seine Ehe ist Vergangenheit, alle paar Wochen kümmert er sich mehr schlecht als recht um seine Tochter Emma. Die Ex lebt mit seinem Chef und einem Baby aus der neuen Beziehung zusammen. Sie lechzt danach, als Verteidigerin aus dem Sumpf banaler Strafverfahren herauszukommen, endlich einen anspruchsvollen Fall zu übernehmen, und nach erfülltem Sex abseits ihrer festen Beziehung. Ihr neuer Partner fühlt sich bei Beförderungen übergangen und hat noch das Problem, in seiner Mannschaft einen Maulwurf zu haben, der einen Gangsterboss vor jeder Aktion gegen ihn und dessen Vasallen warnt. Vieles deutet darauf hin, dass der häufig Lines ziehende Steen der Maulwurf ist.Und zur Gemengelage gehören neben anderen, die als Maulwurf infrage kommen können, selbstverständlich auch der Drogendealer Moussa und dessen Boss, der Dicke genannt, die große Nummer im Trafficking-Geschäft. Während der Dicke anonym im Hintergrund agiert, will die Kopenhagener Polizei und Staatsanwaltschaft mit oder gegen den dänischen Geheimdienst Moussa zur Strecke bringen, der offenbar einen dreifachen Mord in Auftrag gegeben hat. Allerdings wurde der Auftrag nicht ausgeführt. Axel Steen hatte in dem Fall ermittelt.

Nun wird es chaotisch: Steen wird von Moussa erpresst, soll Informationen zum Vorgehen beim Prozess liefern. Steens Ex-Frau wird dagegen von Moussa als Verteidigerin verpflichtet. Während der völlig verkokste und zugedröhnte Steen der Staatsanwältin als Unterstützung dienen soll, er andererseits aber immer mehr in die Abhängigkeit von Moussa gerät, nimmt die Story eine Wende. Eine Entwicklung beginnt, in der sich ursprüngliche Gemengelage völlig verändert. Dabei wird das Böse nicht gut und das Gute nicht böse. Aber es gibt genug Verwerfungen, die im Showdown dazu führen, dass es mächtig schneit im Staate Dänemark, Axel Steen mittendrin ist und einige Leichen vom Schnee überzogen werden. Der Maulwurf kann sich nicht verkriechen. Und der Dicke? Der hat ein übles Spiel getrieben mit Axel, mit seinen Vasallen – und auch mit mir als Leser.

In Bedrängnis bringt Jesper Stein seinen Helden Vizekriminalkommissar Axel Steen so in Bedrängnis, dass dem Leser angst und bange wird: Axel Steen am Abgrund, dann abgestürzt. Lange Zeit scheint es so zu sein, als wäre dies der letzte Fall, in dem der Kommissar ermittelt – aber eine solch erfolgreiche Reihe wird auch ein Jesper Stein nicht leichtfertig beenden. Anderseits sind einige seiner skandinavischen Kollegen auch nicht mehr aktiv. Wer wissen will, ob es noch einen nächsten Fall für Axel Steen geben kann, der muss sich durch die chaotischen Ereignisse und den spannungsreichen Plot bis zum Ende lesen. Es lohnt sich.

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Originaltitel: Akrash (Dänemark, 2014), dt. 2016 (Übersetzung: Patrick Zöller)

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