Max Annas: Die Mauer

IMG_0600Die Welt könnte so schön sein. Gerade hat der  farbige Student Moses von seinem Professor zwei Kisten Bücher geschenkt bekommen und Freundin Sandi lockt mit einem fantastischen Nachmittag und kühlem Bier.

Doch dann kommt es anders. Moses alter Toyota verreckt irgendwo auf einer Straße bei Johannesburg, zudem ist der Akku des Handys leer, bevor er einen Kumpel um Hilfe bitten und Sandi informieren kann. Die nächste Zivilisation: eine Gated Community. Dort will er versuchen, Hilfe zu erhalten. Doch der Versuch scheitert zunächst. Zwar gelangt er durch das Tor der mit einer hohen Mauer umgebenen Community der „besseren weißen Gesellschaft“, die sich vor dem „schwarzen Pack“ schützen will. Schnell wird er jedoch von der Security durch Kameras als Fremdkörper geortet und als vermeintlicher Einbrecher identifiziert. Nahezu zeitgleich hat sich ein Einbrecherpärchen Zugang zu dieser geschlossenen Gesellschaft verschafft und schaut nach Häusern, bei denen die Bewohner ausgeflogen sind und Beute versprechen. Sie werden auch fündig, nur dass sie neben der Beute auch auf eine Leiche stoßen.

Während die Leute der Security-Firma nun versuchen Moses zu stellen, der sich geschickt vor ihnen zu verbergen versucht und dadurch bewirkt, dass immer mehr Fänger das gesicherte Terrain nach dem schwarzen Studenten durchsuchen, vergeht Moses vor Angst, denn er weiß, dass die Sicherheitsleute nicht lange fackeln, wenn sie ihn fassen. Es ist sogar ein tödlicher Ausgang der Jagd denkbar, denn die Sicherheitsleute sind bewaffnet und das „schwarze Pack“ ist nichts wert.

Es entwickelt sich eine konfuse Lage, die ins Chaotische abdriftet, als Moses mit körperlichem Einsatz sich vor ersten Versuchen, ihn zu ergreifen, seinen Häschern entzieht. Peinlich für die Security-Fuzzis, dass der kleine vermeintliche Ganove nicht zu erwischen ist. Da wird ihm von seinen Verfolgern Brutalität und Vergewaltigung angehängt, was zur Folge hat, dass nun auch noch die Polizei mit einem riesigen Aufgebot in die Community stürmt.

Das Ganze mündet in eine schier unglaubliche Ballerei, die in einem Western des letzten Jahrhunderts nicht actionreicher hätte dargestellt werden können. Doch diese Szenen von Missverständnissen und falschen Reaktionen der überforderten Sicherheitskräfte – gleich ob Polizei oder Security – sind von lesenswerter Komik und die Helden sind letztlich die, die nicht schießen, die nur zur falschen Zeit an einem Ort sind, an den sie nicht hingehören.

Max Annas beschreibt die Spannung zwischen den Bewohnern innerhalb der Mauer inklusive ihrer Beschützer und jenen, die dort nicht geduldet werden, präzise. Es ist aber auch die Mauer in den Köpfen der „besseren“ Menschen, die sich und ihr Leben von denen abgrenzen wollen, die sie für unwürdig halten, einen annehmbaren Platz in der Gesellschaft einzunehmen, die seit Ende der Apartheid in einem Prozess der Veränderung befindet – und nur noch durch Mauern getrennt gehalten werden kann. Wird die Mauer durchbrochen, gibt es nur zwei Möglichkeiten: eine schnelle, lautlose Lösung oder Chaos mit ungewissen, zumeist negativem Ausgang für Schwarz, Sieg von Weiß.

Max Annas bietet eine dritte Variante – und die gefällt: Zwei Stunden, die die Ordnung in der Gated Community durcheinanderbringen, weil der vermeintliche Dieb keiner ist und die Einbrecher zu einem harmlosen Pärchen mutieren, das angesichts eines viel größeren Verbrechens zu Sympathieträgern der Branche wird. Diese zwei Stunden schildert Annas in den unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten und durch ständig Wechsel. In vier bis fünf Stunden Lesezeit erleben wir die verschiedenen Anblicke, Sichtweisen und Deutungen von dem, was dort passiert. Manchmal in Zeitlupe und so kann eine Minute mit Perspektivenwechseln zu einem Vielfachen werden. Das alles in des Autors Art in knappen Sätzen, ohne Abschweifungen, immer so, wie wir es als „Fakten, Fakten, Fakten“ irgendwoher kennen.

Ein Südafrika-Thriller der feinen Art.

Max Annas: Die Mauer, Deutschland 2016. Ebenfalls von Max Annas: Die Farm (2014)

 

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