John Banville alias Benjamin Black: Tod im Sommer

P1030362Schnell wird (dem Leser) klar, wer den irischen Zeitungsmogul Richard Jewell ermordet hat – oder ist es doch anders gewesen? Das Motiv bleibt jedenfalls lange Zeit verborgen.

Selbstmord – wie es auf den ersten Blick aussieht – war es allerdings nicht. Da ist sich Pathologe Quirke sicher. Nie im Leben hätte sich der Zeitungsverleger auf diese Weise mit einer Schrotflinte seinen Kopf wegpusten und trotzdem noch die Waffe im Sterben in der Hand halten können. Davon überzeugt Quirke, der Hobbydetektiv, seinen Freund Inspector Hackett. Doch was für die Leser einfach erscheint, den Mord aufzuklären, erweist sich dennoch recht schwierig. Jewell zählte wohl zu den meist gehassten Menschen im Dublin der 1950er Jahre. Die feindliche Übernahme des Zeitungsimperiums, familiäre Zwistigkeiten oder eine ominöse Geschichte um die Unterstützung eines Waisenhauses könnten ein Motiv für die Ermordung sein.

Stichwort Waisenhaus: Spätestens seit dem ersten Teils der dreiteiligen Fernsehserie „Der Pathologe – Mörderisches Dublin“ wissen wir von Quirkes Kindheitstrauma, seinem Aufenthalt und die damit verbundenen Qualen im Waisenhaus – oder ist es ein Trauma John Banvilles, der hier wiederum das Thema Waisenhaus, die sträfliche Rolle der katholischen Kirche und die verwerfliche Moral generell wieder aufnimmt?

Quirke jedenfalls verknallt sich in die Witwe des Ermordeten – oder wird er von ihr manipuliert?

Fragen über Fragen. Aber Held Quirke wäre nicht Held, wenn er üble Machenschaften nicht durchschaute. Schließlich findet er das Motiv in einem Netz von Verstrickungen, in dem nicht nur die Verdächtigen sondern auch er selbst sowie Tochter Phoebe und sein Assistent hängen.

Und dann ist es Quirkes Moral, die sehr speziell über den Ausgang der Geschichte befindet.

Die Suche nach dem Motiv ist der rote Faden in diesem Krimi. Wer den Schuss aus der Flinte abgegeben hat, erscheint zweitrangig. Es ist die düstere Seite einer scheinbar heilen Welt, die hier von John Banville alias Benjamin Black gezeigt wird. Sie berührt und stößt ab. Eine gelungene Darstellung.

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Originaltitel: A Death in Summer (UK, 2011), dt.2016 (Übersetzung: Andrea O’Brien)

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