Jürgen Heimbach: Offene Wunden

Themen deutscher Nachkriegsgeschichte im Kriminalroman kritisch und trotzdem unterhaltsam zu behandeln, ist nicht einfach. Jürgen Heimbach ist dies gelungen. Sein Thema: Die Schaffung des Bundeskriminalamtes, das bei seiner Entstehung zahlreichen ehemaligen Nazis und Schergen der SS langfristig eine gesicherte, unbehelligte Zukunft bescherte. Eingebunden ist dieses Thema im dritten Band der Nachkriegstrilogie, die überwiegend in Mainz angesiedelt ist.

P1030356-001Hauptkommissar Koch soll in diesem letzten Teil zunächst zusammen mit einem Kollegen einen Mord am einem Kriegsversehrten aufklären. Von den Verwandten des Ermordeten wird ein Flüchtling für den Täter gehalten. Hier wird das Misstrauen und die Missgunst der einheimischen Bevölkerung gegenüber den Flüchtlingen und Vertriebenen differenziert beschrieben. Es ist jedoch nicht nur das gestörte Verhältnis zwischen Neuen und Alteingesessenen, sondern auch die Vergangenheit Letzterer mit ihrem Wirken als Parteigenosse, Blockleiter oder Denunziant, die in der Umgebung des Getöteten komplizierte Verstrickungen zeigen. Einfach ist es für die Kriminalpolizisten nicht, den Fall zu lösen.

In dieser Zeit gerät Kochs geregeltes Leben als Kommissar und aufrechter Anti-Nazi außer Kontrolle. Zunächst wird seine Frau Dorle scheinbar ohne Grund ermordet. Kurz danach geschieht ein weiterer Mord. Bei diesem Toten werden Hinweise auf Koch als Täter gefunden. Dieser Tote hatte zuvor mehrmals Koch darum gebeten, Nachforschungen über Personen anzustellen. Personen, die auf mysteriöse Weise als ehemalige hochrangige Nazis und Mitglieder der SS einen Persilschein erhalten hatten, d.h. entnazifiziert worden waren und nun planten, eine Bundespolizei zu gründen, die organisiert werden sollte wie das Reichssicherheitshauptamt zu Zeiten des Dritten Reiches.

Jürgen Heimbach beschreibt, wie die alten Nazi-Seilschaften vorgegangen sind, ihre Pläne zu verwirklichen und die Gegner ruhig zu stellen oder zu beseitigen – und Koch hatte sich als Gegner gezeigt. In der jungen Bundesregierung hatte die Seilschaft genügend Unterstützer, das Auffangbecken für ihre alten Parteigenossen und SS-Schergen zu realisieren.

Es ist ein brisantes Thema, das nie so recht aufgearbeitet wurde, denn das, was Heimbach in seiner Fiktion in den Anfängen darstellt, hat sich etabliert und lange gehalten: Selbst 1969 zählte noch ein Viertel des BKA-Führungspersonals zu ehemaligen SS-Mitgliedern, die Hälfte aller Beamten waren einst Parteimitglieder der NSDAP (Quelle: Wikipedia)

Es ist ein Kriminalroman, dessen Bogen sich von der damalige „Flüchtlingsproblematik“ der jungen deutschen Bundesrepublik hin zur Gründung des BKA mit dessen Wurzeln in der NS-Zeit und einer Führungsriege aus altem Pesonalbestand, die das neue Amt zwei Jahrzehnte geprägt hat, spannt.

Ein interessanter Kriminalroman, hart an der Wirklichkeit jener Zeit.

Mit zahlreichen Quellenangaben und Erklärungen des Autors am Ende des Buches belegt.

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Erschienen im Pendragon Verlag, 2016

Teil 1 der Trilogie: Unter Trümmern (2012)

Teil 2: Alte Feinde (2014)

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2 Antworten zu Jürgen Heimbach: Offene Wunden

  1. Philipp Elph schreibt:

    Hat dies auf Philipp Elph rebloggt und kommentierte:

    Ein kleines Stück deutsche Nachkriegsgeschichte im Krimi, hart an der Wirklichkeit jener Zeit.

  2. Pingback: Vorstellung von Jürgen Heimbachs 3.Teil der Nachkriegskrimis mit kleinem Ausflug in die Geschichte jener Zeit | KrimiLese

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