Patrick Brosi: Der Blogger

„Dieses Buch wird einen Trend setzen“, schreibt der Emons Verlag. Das glaube ich nicht, aber: Patrick Brosi hat mit DER BLOGGER einen Thriller mit ungewöhnlichen Wendungen geschrieben. Zu einem Thema, das in der Realität wie in Fiktionen immer wieder für Aufregung sorgt: Die Pharmaindustrie mit unmoralischen, unethischen, auf riesige Profite bedachten Unternehmen, die auch „über Leichen gehen“. Patrick Brosi ist ein Plot gelungen, der trotz etlicher anderer Romane, die in dieser Branche spielen, bisher einmalig ist – und der es vermutlich auch bleiben wird.

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Das Szenario, das Brosi beschreibt, hebt sich ab von allem, was ich bisher aus der Branche – real wie fiktiv – gehört und gelesen habe. Vom Inhalt hier mehr preiszugeben als auf der rückseitigen Einbanddecke zu lesen ist, wäre Verrat, eine Angelegenheit, die spoilerhaft auf die Story eingehen müsste, denn NICHTS GESCHIEHT ZUFÄLLIG:

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DERBLOGGER-003Nur soviel sei erwähnt: Neben dem Enthüllungsblogger, der verschwindet, und der Journalistin Marie, die ihm und den Enthüllungen auf der Spur ist und auch abhanden kommt, gibt es eine weitere Hauptperson: Kommissar Nagel von der Freiburger Mordkommission, der zunächst im Umfeld, dann mitten drin in der Schose ermittelt und immer mehr über gewisse Machenschaften bestimmter Pharmakonzerne erfährt.

Dabei werden Handlungsstränge und verschiedene Zeitebenen geschickt verknüpft, verzahnt, verwoben. Mal weiß der Leser mehr, mal weniger als Nagel. Es fällt trotz aller Komplexität der verschiedenen Dimensionen und Ebenen leicht, den Überblick zu behalten, denn jeder Kapitelüberschrift ist das Datum des Geschehens hinzugefügt, wobei die Anzahl der zeitlichen Ebenen beschränkt ist. Abgesehen von dieser Zeit- Handlungsstränge-Komplexität ist die Geschichte an sich recht komplex, denn es geschieht zwar nichts zufällig, aber die Wendungen und das eigentliche Motiv, das der gesamten Handlung zugrunde liegt, kommen überraschend, bleiben dabei schlüssig und beziehen sich auf verschiedene Verhaltensmuster der Branche. Ob es um Zulassungsverfahren von Pharmazeutika geht, die Annahme, dass Pharmafirmen eine Pandemie auslösen können, oder weniger bedeutende Epidemien zu Pandemien von den Konzernen hochstilisiert werden, um Riesenmengen von Impfstoffen herzustellen und den Gesundheitsämtern aufzudrängen, das alles hat sich möglicherweise so ereignet. Einiges davon ist nachweisbar geschehen.

Whistleblower gibt es auch im Pharmabereich  und dieser Roman ist selbstverständlich auch eine Geschichte über das Whistleblowing, denn wie sonst sollte ein Enthüllungsblogger an die Fakten kommen.

Das wäre genug, einen einzigartigen Roman zu schreiben. Patrick Brosi hat es aber dann doch übertrieben und nahezu wissenschaftliche Abhandlungen wie über den Gödel’schen Unvollständigkeitssatz oder die Evolution von Bakterien eingebunden.

Wenn nun Patrick Brosi für DER BLOGGER am 21. März 2016 mit dem Stuttgarter Krimipreis 2016 – mit dem EbnerStolz–Wirtschaftskrimipreis 2016 für den besten deutsprachigen Wirtschaftskriminalroman – ausgezeichnet wird, so ist das eine gute Wahl.

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DER BLOGGER ist 2015 im EMONS Verlag als Taschenbuch erschienen.

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P.S.: Selbstverständlich gibt es in der Realität nur wenige krasse Außenseiter in der Branche, die sich ähnlich verhalten könnten, wie das in DER BLOGGER beschrieben ist. Fest steht jedoch, dass sich wegen Profitorientierung und im Konkurrenzkampf verschiedentlich über Moral und Ethik hinweggesetzt wird. Bei Wikipedia sind unter dem Schlagwort „Pharmaunternehmen“, Punkt Kritik, einige „Verhaltensmuster“ beschrieben

P.P.S.: Der Schreiber dieser Besprechung weiß, „wie der Hase läuft“ in der Pharmabranche, da er annähend 2/3 seines Arbeitslebens darin verbracht hat. Und er sagt: „Gut recherchiert, Herr Brosi, einiges könnte sich so zugetragen haben.“

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3 Antworten zu Patrick Brosi: Der Blogger

  1. karu02 schreibt:

    Danke für die Rezension, ich wollte das Buch sowieso lesen, hatte es jedoch wieder aus den Augen verloren. Da es nun auch noch eine Empfehlung von Dir ist, wird es gleich bestellt.

  2. ottogang schreibt:

    Das macht natürlich sehr neugierig

  3. WortGestalt schreibt:

    Hm, der Punkt mit der guten Recherche, den du erwähnst, lässt mich auch neugierig werden, muss mir den Titel doch mal vormerken.

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