Richard Lange: Angel Baby

Wer denkt, er wisse seit Don Winslows „Tage der Toten“ und dessen als Dokumentarroman bezeichnetes Buch „Das Kartell“ ausgiebig Bescheid über den Drogenkrieg in Mexiko, das brutale Geschäftsgebaren der Drogenbosse, die Verflechtungen von Geschäft und Familie, liegt falsch. Vieles wird bei Winslow klischeehaft dargestellt. Die Welt der Drogenmafia erscheint dort eingeteilt in weniger böse und ganz böse Typen.

P1030333Richard Lange dagegen zeigt, dass es in diesem Umfeld auch menscheln kann, zeichnet ein differenziertes Bild der Szenerie und der Beteiligten. Wir erfahren, was passiert, wenn die Frau eines Bosses ihren smarten Gatten verlässt. Dann ist Schluss mit lustig.

Das „Angel Baby“ Luz, war über einige Stationen aus L.A. kommend im Bett von Ronaldo, in der Szene „el principe“ genannt, gelandet und geheiratet worden. Ihre kleine Tochter Isabel hatte sie bei Verwandten in L.A. zurückgelassen, deren Existenz vor ihrem Mann verheimlicht. Zum dritten Geburtstag von Isabel möchte die Mutter zu ihrer Tochter, ihr wieder Mutter sein.

Doch so einfach ist das nicht. Angel Baby ist gefangen im goldenen Käfig, einer prächtigen Villa in Tijuana, in den Klauen eines wahren Despoten. Der erste Versuch, das Haus zu verlassen, geht schief. Dafür wird sie von ihrem Mann brutal bestraft. Ein Jahr später gelingt es Luz das Haus zu verlassen, nachdem sie die zwei anwesenden Hausangestellten erschossen hat. Mit der Waffe ihres Mannes und einem üppigen Bündel Bargeld aus dem häuslichen Tresor entkommt sie.

Unentdeckt bleibt ihr Verschwinden nicht und „el principe“ fühlt sich in seiner Ehre gekränkt, will Angel Baby zwecks Bestrafung zurück, denn was ihm gehört, will er nicht hergeben. Den „Rückholauftrag“ erhält Jerónimo, sein ehemaliger Geldeintreiber und als Ex-Killer ein Mann für spezielle Fälle. Der sitzt gerade im Knast sitzt, wird aber für diesen Auftrag dort herausgeholt – und allein diese Tatsache, dass das möglich ist, zeichnet den Boss aus und beweist dessen Macht und Besessenheit. Luz macht sich auf den Weg zu Isabel, wissend, dass Ronaldo sich auf ihre Verfolgung machen wird. Es geht um ihr Leben. Wird sie eingefangen, ist sie tot.

Mit Geld kommt sie zunächst weiter. Sie schlägt sich durch zu einem Schlepper, der engagiert Malone, einen Menschenschmuggler, der Lebendtransporte von Mexiko über die Grenze in die USA durchführt. Damit verdient sich der gealterte Surfer seinen Lebensunterhalt – und dazu braucht er nicht viel mehr als Alk und Drugs, dazu ein paar Dollar für den Einsatz bei Hunderennen. Groß sind die Ansprüche nicht. Einfach wird der Transfer nicht, denn nicht nur Jerónimo setzt sich auf die Spur, die Luz zieht, auch bei anderen weckt das dicke Bündel Bares Begehrlichkeiten.

Das Katz-und-Maus-Spiel nimmt seinen Lauf.

Aber das ist nur die eine Seite des Romans. Die andere ist das Zusammenfinden von Luz und dem Menchenschmuggler Malone, der während des Wettlaufs mit den Verfolgern vom abgewrackten, perspektivlosen Surfer zum Menschenversteher mutiert. Dazu noch das Schwanken der Verfolger zwischen Konkurrenzverhalten und den Versuchen, Allianzen im Rennen um Ronaldos flüchtendes Eigentum– Luz und das Geld in ihrem Rucksack – des Drogenbosses einzugehen. Doch Jerónimo hat noch ein anderes Problem. Damit er seiner Verpflichtung nachkommt, den Auftrag zur Zufriedenheit zu erfüllen, „kümmert“ sich sein Boss um Frau und Kind des Jägers, für die er seine Karriere unter Ronaldo einst aufgeben wollte. Ein Pfand, mit dem Jerónimo schwerlich leben kann. Es ist verwirkt, wenn der Auftrag schief läuft. Es ist ein komplexes Gemenge von Gefühlen der Beteiligten, denn alle wissen: Geht es schief, endet diese Episode mit dem Tod.

Wie Richard Lange uns durch diese Ereignisse führt, wie er zum Ende kommt, ist spannend und ungewöhnlich, auch ungewöhnlich gut.

Die Übersetzung ist in Deutschland 2015 erschienen und wurde von bekannten Kritikern wie Sonja Hartl, Thomas Wörtche und Marcus Müntefering   besprochen dabei ausgiebig gewürdigt. ____________________________________________________________________

Originaltitel: Angel Baby,(USA 2013), dt. 2015 (Übersetzung: Jan Schönherr)

 

 

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Eine Antwort zu Richard Lange: Angel Baby

  1. crimealley schreibt:

    Steht auch noch bei mir im Regal und wartet darauf gelesen zu werden. Wieder einmal eine schöne Besprechung, die zudem mal auf ein paar neue Aspekte eingeht. Danke dafür!

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