Tito Topin: Exodus aus Libyen

P1030321Der Begriff „Arabischer Frühling“ hat sich in unseren Köpfen festgesetzt, zunächst galt er als Aufbruch in ein neues, demokratisches Zeitalter. Mittlerweile hat sich dieses Bild ins Gegenteil verkehrt. Gewaltsamer als in Ägypten und Tunesien verlief der Aufstand in Libyen gegen das Gaddafi-Regime..

Im Libyen des Sommers 2011, wenige Monate vor dem Tod von Muammar al-Gaddafi, ist dieser Roman zeitlich verankert. Die Fiktion könnte sich heute genau so im Syrien Assads und anderswo ähnlich in der Realität abspielen. Sie ist deshalb ähnlich aktuell wie Merle Krögers Havarie.

Exodus aus Libyen handelt von dem Versuch eines bunt zusammen gewürfelten Haufens von acht Menschen – darunter einem abgeschossenen französischen Kampfpiloten, einer ehemaligen Geliebte Gaddafis, einem Arzt, zwei Kriminellen und einem oppositionellen Lehrer dazu einer schwangeren Krankenschwester und einem Mann aus dem Tschad – von Tripolis aus mit einem Land Cruiser unbemerkt ohne Genehmigung durch unwegsames Land  Tunesien zu erreichen. Bereits an der Stadtgrenze von Tripolis droht die Flucht aus der Hauptstadt und den Klauen Gaddafis und dessen Schergen zu scheitern. Es ist eine Reise zwischen Hoffen und Verzweifeln. Ein kurzer Lebensabschnitt, in dem die Einzelnen sich entscheiden müssen zwischen Solidarität und Egoismus, um im Kampf gegen alle Widrigkeiten zu bestehen. Neben der Schilderung dieser Hemmnisse und „Herausforderungen“ durch die die Gruppe in einem kleinen Kaff zum Halten kommt, stellen sich die Mitfahrer in einzelnen Kapiteln vor. Ihre Herkunft sowie die gerade zurückliegenden Ereignisse, die Motivation für das gefährliche Abenteuer „Flucht“ sind, werden von jedem einzelnen erzählt. Leser lernen die Mitglieder der Gruppe kennen. Sie stammen aus verschiedenen Kulturkreisen, gehören unterschiedlichen Religionen und sozialen Schichten an, haben sich aus ihrer Not dazu entschieden, sich in die Abhängigkeit der anderen Gefährten zu begeben.

Die Chance, die rettende Grenze zusammen mit den anderen zu erreichen, erscheint gering. Es geht letztlich darum, das Gewissen entscheiden zu lassen, welchen Weg sie gehen wollen – miteinander, zu Lasten anderer, allein. Die Situation ist die, die gemeinhin als „Menschliche Tragödie“ bezeichnet wird.

Heute ist Gaddafi, „Pourriture“ (der Sauhund) wie er von den Mitgliedern der „Reisegruppe“ genannt wird, tot. Aber wir wissen es: Es gibt immer noch diese Spezies, die mit ihrem grausamen und unverständlichen Handeln, ihren unstillbaren Machtgelüsten unter welcher Flagge auch immer, Menschen in die Flucht und in den Tod treiben. Tito Topin erzählt auf beeindruckende Weise vom Schicksal der Menschen, die unter diesen Sauhunden leiden müssen.

Meine Empfehlung: Lesen, damit wir ein kleines bisschen besser verstehen, was in unserer Welt vorgeht, was für Schicksale es gibt.

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Originaltitel: Libyan Exodus, erschienen 2013 in Frankreich, dt. 2016 als Taschenbuch im Distel Literaturverlag (Übersetzung: Katarina Grän)

In der Krimi-Bestenliste von DIE ZEIT ist dieser Roman im Februar 2016 auf Platz 3 verzeichnet.

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Eine Antwort zu Tito Topin: Exodus aus Libyen

  1. crimealley schreibt:

    Was mich an dem Buch am meisten freut: Der Distel-Verlag scheint die „Serie Noire“ fortzusetzen. Ich hoffe auf mehr Titel im laufenden Jahr. – Und eine schöne Rezension übrigens, die mich zudem daran erinnert, dass ich hier auch noch zuschlagen muss. 😉

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