Daniel Woodrell: Tomatenrot

P1030319„Ich hatte mir schon immer gewünscht,  für irgendjemand ein Held zu sein, ich weiß, das klingt ziemlich lahm, aber das hatte wirklich zu meinen Wünschen gehört.“ Sammy Barlach erzählt hier seine Geschichte, die von Wünschen und Träumen. Das ist nicht die Welt in der er lebt, denn „Ich war am Rand der Welt geboren, klar, aber in die Grube war ich selbst gesprungen.“

So ist es, wenn man in den Ozarks lebt, gerade mal einen miesen Job in einer Hundefutterfabrik hat, irgendwo am Rande der Kleinstadt in einer Wohnwagensiedlung haust, die einzigen Freunde Crank und Alkohol sind. Sammy gehört zum weißen Abschaum der Gegend, ohne Chance rauszukommen.

Er vegetiert dahin, sehnt sich danach, irgendwo dazu zu gehören. Während eines Einbruchs lernt er Jamalee, eine neunzehnjährige Göre mit tomatenroten Haaren und ihren hübschen Bruder Jason kennen. Jam und Jason, 17Jahre, plündern Villen, deren reiche Bewohner verreist sind, benehmen sich dort wie die Vandalen. Es sind Frust auf das eigene Leben und Neid auf die Wohlstandsbürger, die die Geschwister treiben. Sie leben in Venus Holler, dem heruntergekommenen Stadtteil der Kleinstadt, einem ehemaligen Nuttenviertel. In der Bruchbude nebenan wohnt deren Mutter Bev, die schon aktiv war, als das Viertel von Freiern noch stark frequentiert wurde. Dieser Gesellschaft schließt sich der junge Sammy an. Er hat nun eine „Familie“, einen Ort, der ihm behagt. Doch Jam will raus aus Venus Holler. Sie will Teil der feinen Gesellschaft werden. Lernt Benimmbücher auswendig, nötigt ihren Bruder und Sammy Lektionen daraus auf. Der schöne Bruder Jason soll’s richten. Er hat in ihren Augen das Zeug dazu, reichen Damen Geld abzunehmen, wenn Jason deren Wünsche erfüllt.

Doch Jamalees Vorhaben endet abrupt, als Jason tot aufgefunden wird. Damit beginnt der Tristesse letzter Teil und der ist dann frei von allen Wünschen und Träumen.

„Gebt die Schuld, wem ihr wollt.“ Das sind Sammys letzte Worte, bevor er abgeführt wird. An den Ort, der ihm als Endstation schon längst prophezeit war.

Daniel Woodrell zeichnet hier das hoffnungslose Leben der drei jungen Leute, die nichts haben und nichts haben werden außer dem Traum, aus dem Sumpf herauszukommen. Sie ahnen, dass es ihnen nicht gelingen wird, das Elend zu verlassen, Teil der amerikanischen Wohlstandsgesellschaft zu werden. Sie versuchen sich aufzulehnen gegen ihr Schicksal und es wie in einem Moor: je mehr sie strampeln, desto tiefer sinken sie. Wohlstand ist das rettende Ufer, das sie nie erreichen werden. Woodrell beschreibt auf eine desillusionierende Weise. Er lässt Sammy die Zähne zeigen, Bev sich prostituieren und als Spitzel den Polizisten Tipps geben – es nützt nichts. Das Leben dieser Leute ist beschissen, deren Ende auch.

Daniell Woodrell hat diese Stimmung bereits mehrmals eingefangen, so auch in „Winters Knochen“ und in „In Almas Augen“. Wie er das tut, ist beeindruckend.

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Originaltitel: Tomato Red (USA 1998), dt. 2016 (Übersetzung: Peter Torberg), erschienen im Liebeskind Verlag

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