Robert Saemann-Ischenko: So ich dir – Thriller

P1030315„Wie du mir, so ich dir“. Wenn dieser Thriller mit dem zweiten Teil des Sprichworts betitelt wird, so hat das seine Bewandtnis. So ich dir ist das letzte Ziel, das der krebskranke ältere Mann wenige Monate vor seinem Tod hat. Das Ziel: Er will den weißrussischen Diktator Alexander Lukaschenko ermorden. Genauer gesagt: erschießen. Weshalb der Mann ohne Namen – der Autor nennt ihn uns nicht, bezeichnet ihn nur als „der Mann“ – das Attentat begehen will, wird zunächst nicht erzählt. Erkennbar wird nur, dass es mit dem „Wie du mir“ zusammenhängen muss.

Akribisch bereitet sich der Mann auf die Aufgabe vor. Während sich der Krebs von der Pankreas auf andere Körperteile übergreift und den Körper schwächt, hält der potenzielle Mörder durch Bewegung und entsprechende Ernährung dagegen, um den körperlichen Verfall solange hinauszuzögern, bis er auf Lukaschenko trifft. Treffen und Treffer sollen im Jagdrevier des Diktators erfolgen. Der Plan sieht vor, zunächst die Jägerprüfung abzulegen, die notwendigen Schießkünste anzueignen, sich mit einer Schusswaffe legal auf die Reise nach Weißrussland zu begeben und als jagender Tourist den Diktator bei der Wisentjagd zu erlegen. Während der Mann sich in einem Schnellkurs das für die Prüfung notwendige, aber in der Praxis häufig völlig überflüssige Wissen in sich hineinpaukt, erfahren wir, welche Farce die Vorbereitung und die Prüfung größtenteils ist, welche komischen Käuze neben Normalos den Grünen Rock des Jägers sonst noch anstreben. Schießübungen mit spezieller Ausrüstung und Munition, die den Mann zum Scharfschützen machen, bringen den Plan voran.

Nebenbei erfahren wir, was im heutigen Jagdgebiet Lukaschenkows während des II. Weltkriegs passierte. Mit welchen Kriegsverbrechen deutsche Kräfte der Wehrmacht und auch von ihnen beauftragte Kriminelle unter Führung des damaligen Oberforstmeisters Walter Frevert die Bevölkerung aus dem Jagdgebiet für den Reichsjägermeister Hermann Göring und dessen jagende Kumpane „evakuierte“, deren Dörfer niedermachte und das riesige Jagdgebiet, den Urwald von Bialowieża, mit dessen letzten Wisentbestand, damit „frei von Juden und Partisanen machte“. Wenn erforderlich auch per Treibjagd. Jener Walter Frevert, der nach dem Krieg recht schnell „Persilscheine“ erhielt, weitgehend entnazifiziert wurde und die Leitung des Staats- und Repräsentationsjagdgebiet Kaltenbronn im Schwarzwald übertragen bekam. Jener Frevert, dessen Bücher bis heute als Klassiker der Jagdliteratur in Jägerkreisen hochgeachtet werden. So beinhaltet Saemann-Ischenkos Thriller nicht nur die Anprangerung der Kriegsverbrechen während des II. Weltkriegs an der Ostfront, speziell die unter der Führung von Frevert begangenen, sondern auch der unrühmliche Umgang in Teilen der deutschen Jägerschaft und ihres Verbandes mit der Last, die Frevert seinen Jagdgnossen auferlegt hat.

Hier werden Fakten genannt. Ebenso wie über das Wirken von Lukaschenkow, dessen diktartorisches Verhalten, auch im Umgang mit Kritikern seiner Amtsführung und deren Verschwinden. Daraus leitet sich der Plan des „So ich dir“ ab. Um diesen zu Ende zu bringen, mobilisiert der Mann im Urwald von Bialowieża die letzten Kräfte, denn der Krebs frisst seinen Körper. Schließlich hat er sein Ziel im Visier.

Trotz aller amüsanter Anekdoten auf dem Weg zum Jagdschein erzählt Saemann-Ischenko einen Thriller, bei dem dem Jäger der Treffer gewünscht wird. Eingebunden in diese Fiktion ist die Realität, die Schilderung von Kriegsverbrechen vor rund 75 Jahren sowie die kriminellen Machenschaften des hoffentlich letzten Diktators in Europa des 21. Jahrhunderts.

Es ist ein Thriller, dessen interessanter und spannender Inhalt sich zunächst langsam, dann aber mit der Geschwindigkeit einer hochwirksamen Kugel entwickelt. Gelungener Erstling des Journalisten und Führer eines Bayrischen Gebirgsschweißhunds.

Erschienen bei Books on Demand als Taschenbuch, auch als eBook erhältlich (2015)

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3 Antworten zu Robert Saemann-Ischenko: So ich dir – Thriller

  1. Gunnar schreibt:

    Klingt wirklich interessant. Guckst du häufiger bei Books on demand oder war das ein Tipp?

    • Philipp Elph schreibt:

      Bisher informiere ich mich nicht bei BoD. Es war eine Offerte vom Autor, bei der ich zunächst gezögert habe, sie anzunehmen. Die ersten 20 Seiten haben mich dann dazu verleitet weiterzulesen.

  2. Pingback: Beachtenswerte Krimi-Debüts 2015 | KrimiLese

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