Fred Vargas: Das barmherzige Fallbeil

P1030272Getötet zu werden ist selten eine Angelegenheit der Barmherzigkeit. Nicht während der Zeit als „Feinde der Revolution“ in Frankreich in großer Zahl mit maßgeblicher Beteiligung des „Blutrichters“ Robespierre ohne Prozesse durch die Guillotine geköpft wurden. Auch nicht, als innerhalb kurzer Zeit in und um Paris als Selbstmorde getarnte Morde verübt werden, an deren Tatorten das Piktogramm einer Guillotine hinterlassen wird. Obwohl….

Die getürkten Selbstmorde führen zunächst zu einem Ereignis, dass einige Jahre zurückliegt. Kommissar Adamsberg, der Commandant Danglard und deren Truppe erfahren, dass eine Gruppe von Franzosen, die sich zufällig an der Küste Islands zusammengefunden hatte, zu einer winzigen Insel vor der Küste gefahren waren, um dort das Geheimnis um die Sage eines warmen, Kräfte verleihenden Steins zu ergründen. Nebel zog auf, die Gruppe saß auf der Insel zwei Wochen fest und zwei Mitglieder wurden von einem der Expeditionsteilnehmer ermordet. Nach der Rückkehr aus dem Nebel trennten sich die Überlebenden, von denen keiner den anderen kannte. Die Toten seien erfroren und dem Packeis übergeben worden, lautete die Version der Rückkehrer. Damit war die Angelegenheit erledigt.

Nun also starb eine alte Frau in der Badewanne. Anscheinend Selbstmord. Ein Piktogramm an den Fliesen im Badezimmer, das zunächst nicht gedeutet werden kann, erregt die Aufmerksamkeit von Jean-Baptiste Adamsberg. Zudem erfährt der Kommissar, von einem Brief, den die alte Dame einige Tage vor ihrem Tod geschrieben hatte, und er ermittelt den Adressaten. Als Adamsberg ihn besuchen will, ist dieser ebenfalls tot. Anscheinend Selbstmord, erschossen, das eigene Gewehr in den Händen, auf sich gerichtet. Zudem dieses eigenartige Piktogramm am Tatort.

P1030270-001Die Zeichnung wird als Guillotine erkannt. Jener Fallschwertmaschine, die zu Beginn der französischen Revolution modifiziert wurde und ein schräges Fallschwert erhielt, nachdem bisher ein konkaves den Kopf der Verurteilten abgetrennt hatte. Eine barmherzigere Tötung war mit den technischen Veränderungen gewährleistet. Im Piktogramm sind beide Varianten eingezeichnet. Adamsberg bewegt sich zwischen zwei Welten. Der einen, die ihn wegen des Piktogramms zu einer Gesellschaft führt, die die Geschichte Robespierres während der französischen Revolution nachspielt. Der anderen, die sich aus dem gemeinsamen Aufenthalt der beiden neuerlichen Toten auf der vernebelten isländischen Insel zur Zeit der damaligen Morde ergibt. Zudem sind beide Welten verknüpft. Die Inselbesucher bewegen oder bewegten sich bis vor Kurzem im Kreis der skurrilen Gesellschaft.

Adamsberg treibt es dabei zurück auf die Insel, kommt mit neuen Erkenntnissen zurück.

Für den Leser mit Erkenntnissen, dass der Tod durch ein Fallbeil barmherziger sein kann, als das , was auf der Insel passierte.

Die Romane von Fred Vargas werden mit Attributen wie skurril, surreal und absurd bezeichnet.

Auch in „Das barmherzige Fallbeil“ passieren wieder eigenartige Dinge, die durch die Sichtweisen der sehr speziellen Menschen sich zu ereignen scheinen.

Seien es die Ansichten der Isländer mit denen Adamsberg zusammentrifft, ihre alten Sagen und Märchen, hier mit dem Afturganga der kleinen Insel, der Menschen ruft und vertreibt, dem sich auch der Kommissar auszuliefern scheint.

Oder die der Dorfbewohner herum um Le Creux, die sich von Geistern verfolgt fühlen und sich mit Pferdemist dagegen schützen.

Besonders zu erwähnen ist in dieser Hinsicht auch die Gesellschaft, die in den Kostümen der Zeit die reden und Parlamentsdebatten mit und um Robespierre nahezu wörtlich nachspielen.

Und selbstverständlich auch Adamsberg mit allen Typen seiner Umgebung  im Dienst sowie im privaten Bereich. Teilweise ausgestattet mit einem Schädel voller Wissen, wahlweise Weißwein, oder einem Schädel voller Unwissen, oder auch einem mächtigen Körper, an dem alles abzuprallen scheint, auch mit einem Körper, an dem der fehlende Arm noch immer juckt und gekratzt werden will.

Fred Vargas zeichnet ihre Figuren so genau, mit jeder Macke, jeder Stärke und jedem Defizit, dass verstanden wird, warum die Personen so und nicht anders handeln. Sie beschreibt die Szenarien und die Handlungsabläufe so detailliert, dass übersinnlich Erscheinendes Wirklichkeit zu werden scheint. Damit sind die Romane Fred Vargas – und das gilt auch für „Das barmherzige Fallbeil“ – nie langweilig sondern einmalig.

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Originaltitel: Temps glaciaires (Frankreich 2015), in Deutsch 2015 erschienen im Limes Verlag (Übersetzung: Waltrud Schwarze)

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2 Antworten zu Fred Vargas: Das barmherzige Fallbeil

  1. karu02 schreibt:

    Volle Zustimmung, ich habe alle Romane von ihr gelesen und fühle mich als Teil der Brigade von Adamsberg, wenn ich im Buch versinke. Nur das Auftauchen ist bedauerlich.

  2. Pingback: Meine Krimi-Highlights 2015 | KrimiLese

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