Dostojewskis Erben: Bei Zitat Mord

P1030268Haben Sie schon einmal etwas von Dostojewskis Erben gehört oder gelesen? Sagen Sie nicht vorschnell „NEIN“, denn Dostojewskis Erben ist eine Gruppe von Autoren aus Wiesbaden und Umgebung. Es sind etablierte Krimi-, Sachbuch-, Jugendliteratur-, Haiku- und anderen literarischen Richtungen zuzuordnende Autor*innen mit bekannten Namen oder mit ihrem Werk am Anfang einer Karriere stehend.

In diesem Buch haben sich 30 von ihnen versammelt, um Kurzkrimis zum besten zu geben, die eines gemeinsam haben: Der jeweils erste Satz ihrer Geschichte entstammt dem bekannten Roman ihres „Erblassers“ Fjodor Dostojewski, seinem Roman „Der Spieler“, den der seinerzeit glück- und mittellose russische Schriftsteller unter riesigem finanziellen Druck innerhalb von 26 Tagen während einer wirklichen Pechsträhne beim Spiel Wiesbaden verfasste.

Bei einem ihrer regelmäßigen Treffen beschlossen die Erben, in Vorbereitung auf den Krimitag 2015 je einen Kurzkrimi zu schreiben, dessen erster Satz – wie oben erwähnt – aus jenem Dostojewskischen Roman entnommen war. Die Herausgeberinnen des Buches Bei Zitat Mord haben im Vorwort beschrieben, wie die Autor*innen den Anfang ihrer Geschichte ermittelten:

Zuvor hatten sie mit geschlossenen Augen ihren Finger in das berühmte Werk gesetzt und sich überraschen lassen, welche Satz ihre kriminelle Fantasie beflügeln würde. Auch in diesem Spiel gab es kein zurück. Die getroffene Stelle musste ohne Widerrede übernommen und nach zwei bis drei Seiten zu Ende geführt werden“. ( Dieses Procedere bestätige ich, da ich an diesem Abend Teilnehmer des Treffens war, mich wegen fehlender krimineller Fantasie jedoch nicht an diesem Glücksspiel und dessen Folgen beteiligte)

Wie fantasievoll Dostojewskis Erben mit ihrer Vorgabe umgegangen sind, ist in dreißigfacher Ausführung dem Buch zu entnehmen. Es beginnt mit einer Geschichte von Karsten Eichner, der es darin richtig krachen lässt und damit einen Sternensammler (ja solche Leute gibt es) zu den Sternen schickt. Andreas Stahl erzählt danach von Leid und Freud eines Autors, die er beim Schreiben eines Buches hat, insbesondere mit seinen Lektorinnen. Während einige – wie Hartmut Fillhardt Personen aus dem Umfeld Dostojewskis agieren lassen – und auch die damalige Erzählweise fortführen -, transferiert Alexander Pfeiffer Personal aus Dostojeweskis Roman in die heutige Zeit und lässt einen von ihnen mit den Worten „Take the money and run!“ „un-dostojewskihaft“ die Story beenden. Richard Lifka belässt dagegen Dostojewskis Miss Polina und andere im 19. Jahrhundert, schreibt eine andere Handlung um die Personen herum. Überrascht hat mich die bekannte Haiku- und Haiban-Poetin Rita Rosen: Sie kann auch knallharten Krimi. Mit Setz noch mal! bleibt Fenna Williams beim Glücksspiel, Pferdewetten genauer gesagt, während Jürgen Heimbach sich mit Moskau Inkasso in der Welt der Geldeintreiber bewegt. Sogar von einer Transformation wird berichtet (Bernd Köstering). So geht es munter mit Mord, Betrug, anderen Kapitalverbrechen und auch Obskuren durch das Buch, zu dem auch bisher nicht so bekannte Autor*innen ihre Beiträge geleistet haben. Eine große Bereicherung für die Erbengemeinschaft stellt Debbie Hubbard dar, die als Harmlose Jungfer mit Strickzeug auftritt und schon seit frühesten Kindesalter von Eifersucht gequält wurde. Diese Geschichte ist reinste Fiktion, weist in keiner Weise Parallelen zur Vita der Autorin auf und ist für mich eine der schönsten und zugleich schwärzesten Geschichten dieses Buches.

Nichterwähnen der anderen 20 Kurzkrimis bedeutet nicht, dass ich sie nicht schätze, mich bei ihnen nicht gegruselt oder nicht amüsiert hätte, als ich sie gelesen haben. Nur sprengt es den Rahmen dieser Besprechung, alle zu würdigen.

Doch die Namen der weiteren Autor*innen seinen hier erwähnt. Es sind in der Reihenfolge ihres Auftritts: Ulrike Keding, Gerd Kopper, Leila Emami, Belinda Vogt, Susanne Kucklei, Ute Schusterreiter, Rodica Meltzer, Thorsten Weiß, Ralf Schulte, Karen Erbs, Marga Rodmann, Monika Horlé-Kunze, Johannes Frumen, Inka Stern, Andrea Conrad, Susanne Kronenberg, Claudia Platz, Kirstin Schlotter, Dominick Mondorff und Dietmar Thate.

Herausgegeben wurde dieses Buch von Susanne Kronenberg und Belinda Vogt, erschienen ist es im Brücken Verlag (2015).

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s