Malla Nunn: Tal des Schweigens

P1030258Kriminalromane sind ein Spiegel, der das Beste und Schlechteste einer bestimmten Zeit und eines bestimmten Ortes reflektiert. Die Ermittlung erzählt uns etwas über das Opfer, den Täter und die Gesellschaft, in der sie beide leben.“   (Malla Nunn in einem Gespräch mit Sonja Hartl für Polar Noir: hier)

Treffender als mit diesem Satz der Autorin kann der Rahmen des Romans, der das Südafrika im Jahre 1953 spiegelt, nicht dargestellt werden. Ort der Handlung ist ein unwegsamer Teil der Drakensberge am Rande der Zivilisation gut 150 km nordwestlich von Durban.

Erstes Mordopfer ist Amahle, siebzehnjährige Tochter eines Zulu-Chiefs. Abgelegt auf einem fast unerreichbaren Plateau, mit Blumen überstreut und vor Raubtieren geschützt. Zur Blüte der Apartheidpolitik kein Fall, der bei der Polizei große Aufmerksamkeit und Aufklärungswillen erzeugt, denn „Morde an Schwarzen aufzuklären, brachte einen beruflich nicht weiter“. Aus Durban wird Detective Emmanuel Cooper in die Drakensberge, ein von Weißen und Zulus bewohntes Gebiet, geschickt. Ihn begleitet Zulu-Detective Shabalala, der über Ortskenntnisse verfügt und zudem als Übersetzer fungieren soll.

Der Todesfall birgt viele Geheimnisse und erzeugt großes Schweigen sowohl der weißen Bevölkerung, die sich in jener Zeit immer noch als herrschende Kaste darstellt – und es auch ist – als auch den von ihnen als „Kaffern“ bezeichneten Zulus, die entweder in sklavischen Verhältnissen ihren weißen Herren dienen müssen oder in althergebrachten Strukturen in Dörfern und Krals unter der strengen Herrschaft ihres Chiefs zusammenleben. Eine undurchsichtige Gemengelage, die es Cooper und Shabalala schwer macht, zu erfahren, weshalb das Mädchen zu Tode gekommen ist.

Fest steht zunächst nur, dass Ahmale einige Tage zuvor von ihrer Mutter bei der nächsten Polizeistelle als vermisst gemeldet wurde. Sie war auf dem Weg von ihrem Arbeitsplatz, einer von englischstämmigen Weißen geführten Farm, zurück in ihr Dorf zu Mutter und Schwester. Ein verschwundenes Zulu-Mädchen – kein Grund für den weißen Polizisten vor Ort wegen des Verschwindens tätig zu werden. Dann ein anonymer Anruf bei der Polizei in Durban über den Fund der Leiche. Und so kämpfen sich Cooper und Shabalala durch unwegsames Gelände, treffen auf die kleine Zulu-Armee, die nach dem Mörder des Mädchen sucht, Weiße, die deutlich zeigen, das das Leben eines Zulus nichts wert ist, und den erbosten Zulu-Chief, dem durch den Tod seiner heiratsfähigen Tochter der Brautpreis, eine beträchtliche Zahl wohlgenährter Rinder, entgeht. Dazu erschwert ein augenscheinlich fauler Polizist und die einzige Ärztin vor Ort, die sich dann auch noch weigert, die Todesursache des Mädchens zu untersuchen, die Arbeit der Ermittler.

Als sich dann der weiße Farmbesitzer, Amahles ehemaliger „Herr“, von Coopers Nachforschungen bedrängt fühlt und seine Beziehungen nach Durban spielen lässt, ist Cooper blitzschnell vom Fall abgezogen. Wegen eines kleinen „Formfehlers“ bei der Suspendierung erlaubt sich Cooper jedoch, die Kaltstellung zu ignorieren, ermittelt weiter im Gelände und zwischen den Parteien, wobei sich sowohl die Weißen unterschiedlicher – englischer bzw. holländischer – Herkunft nicht grün sind. Auch die Zulu-Clans der Gegend bekämpfen sich. Dabei wandeln sich Täter zu Opfern, Unterdrückte erstarken und feine Leute werden zu erbärmlichen Kreaturen.

Amahle bewegte sich im Zentrum des übel Geschehens, eine Grenzgängerin zwischen zwei immer noch gestrigen Welten. Hilfe bekommt Cooper dann von einem anderen Grenzgänger, dem weißen Jungen, der mit seiner Macke, jedem Menschen einen zweiten Namen zu verpassen, die Leute so trefflich charakterisiert, dass er unwissentlich die Ermittlungen in die richtige Richtung lenkt. Zudem hilft Shabalalas Kenntnis von dem Denken und Handeln der Zulus und deren Glauben an gute und böse Geister, das Motiv und letztlich den Mörder zu finden.

Malla Nunn zeigt hier die Fratze der  grausamen Apartheidpolitik, lässt jedoch den „gemischtrassigen“ Detective Cooper als integeren Ermittler agieren, wie er zu jener Zeit vermutlich selten anzutreffen war. Durch ihn erhält der Roman die gesellschaftskritische Komponente, die das Buch so interessant macht ohne auf die im Kriminalroman erforderliche Spannung zu verzichten. Malla Nunn schildert so anschaulich das Beste und das Schlechteste…. (sh. oben), dass die Story beim Lesen in Bildern plastisch vorstellbar wird – wie ein Film in 3D von feinster Qualität. Ganz großes Kino!

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Erschienen 2015 als Taschenbuch im Argument Verlag als ariadne kriminalroman in der Übersetzung von Else Laudan und B.Szelinski, als eBook bei CulturBooks erschienen. Original: Silent Valley (Australien 2012) und Blessed are the Dead (USA, GB 2012)

Dritter Roman der Reihe um Detective Emmanuel Cooper

  1. Roman: Ein schöner Ort zu sterben
  2. Roman: Lass die Toten ruhen
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5 Antworten zu Malla Nunn: Tal des Schweigens

  1. karu02 schreibt:

    Ich lese es gerade und werde Deine Besprechung erst nachher lesen. Bin erst am Anfang aber sehr gespannt.

  2. Kai Blum schreibt:

    „Kriminalromane sind ein Spiegel, der das Beste und Schlechteste einer bestimmten Zeit und eines bestimmten Ortes reflektiert.“ Ein schönes Zitat und eine ausgezeichnete Richtlinie beim Schreiben!

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