Zoë Beck: Schwarzblende

P1030251Den besten Happen hebt man sich immer bis zum Schluss auf. In diesem Fall ist es Schwarzblende, ein Thriller von Zoë Beck, dessen Degustation ich mir bis zum Ende des Jahres aufgehoben habe. Und das ist auch gut so.

Denn in den letzten Monaten gab es Ereignisse und Erkenntnisse, die diesen Roman so gegenwartsbezogen werden ließen, wie das zum Erscheinungstermin im Frühjahr 2015 noch gar nicht zu erkennen war.

Es ist vordergründig die Geschichte vom Londoner Dokumentarfilmer Niall, die die Autorin erzählt. Zu Beginn läuft er zwei Männern mit Macheten hinterher. Die Szene erscheint ihm so irreal, dass er die Waffen für nachgemachte Utensilien für ein Spiel hält. Niall filmt aus Interesse mit seiner Handykamera den Weg der beiden Gesellen, und nach kurzer Zeit erweisen sich die Macheten als echte Waffen, mit denen ihre Besitzer auf einen jungen Soldaten in Zivil einstechen und ihn schließlich köpfen. Von einem der Täter wird der fassungslose Filmer aufgefordert, das Video ins Internet zu stellen. Sie bekennen sich, den Mord im Namen Allahs begangen zu haben. Einer von ihnen schwenkt dazu die Flagge des Islamischen Staats. Nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt – Niall wird zunächst zum Kreis der Täter gezählt, weil er die Aufnahmen machte – bekommt der auf Tier- und Landschaftsaufnahmen spezialisierte, bis dato weitgehend unbekannte Niall den Auftrag, einen Dokumentarfilm über das Verbrechen, die Mörder und die Hintergründe zu drehen. Dass er dabei zum Werkzeug politischen Machtstrebens und Intrigen wird, merkt er zunächst nicht.

Das besondere an diesem Roman ist nicht, dass es einen ähnlichen Mord, den an Lee Rigby, in London gab, sondern vielmehr die Beschreibung wie der Weg vom Rand der Gesellschaft hin zu Kriegern des IS verlaufen kann. Der Weg von Menschen, die von ihrer Art zunächst weit entfernt sind vom dem, was sie letztlich zu Hass und terroristischen Taten führt, sie aber aus Frust und mangelnder Akzeptanz durch Teile unserer Gesellschaft dorthin treiben kann. Zudem zeigt Zoë Beck, dass skrupelloses Handeln und Machtgier in Politik und staatlichen Organen indirekt aber wissentlich zur Unterstützung des Terrors führen kann, wobei den so Agierenden der Blick auf die möglichen Konsequenzen ihres Handelns völlig fehlt.

Während sich der Anschlag auf Charlie Hebdo sechs Wochen vor dem Erscheinen des Buches ereignete, hat einige Monate danach im November die Serie von Attentaten ebenfalls in Paris gegeben. Parallel dazu erleben wir in Deutschland, wie ein staatliches Organ, der Verfassungsschutz, während der Zeit der NSU-Morde und danach eine äußerst dubiose Rolle gespielt hat, die wohl nie weder von Gerichten noch von politischen Untersuchungsausschüssen und erst recht nicht vom Verfassungsschutz selbst aufgeklärt wird. Auch hier könnte Agierenden nicht bewußt gewesen sein, was ihr Verhalten bewirkte.

Vergleicht man die Realität mit den fiktiven Ereignissen in Schwarzblende, so liegt mit diesem Roman ein Polit-Thriller von unvergleichbarer Aktualität vor. Vieles, was mit dem Titel „Polit-Thriller“ bezeichnet wird, erscheint als retrospektive Fiktion. Hier erleben wir Fiktion als Parallele zur Realität. Wir erleben ein Rennen dieser beiden Welten. Und das macht Schwarzblende einmalig und zum herausragenden Thriller des Jahres und zu einem der besten dieses Genres.

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Erschienen am 8.3.2015 bei Heyne

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3 Antworten zu Zoë Beck: Schwarzblende

  1. karu02 schreibt:

    Danke für den Tipp, er kommt auf die Liste.

  2. Pingback: Meine Krimi-Highlights 2015 | KrimiLese

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