Crime Nr.03 – Wahre Verbrechen

20151021_151728Was das Magazin enthält und wie ich darüber denke:

Opfer“ ist zu einem Schimpfwort geworden. Das ist die Aussage von stern-Autorin Frauke Hunfeld. „Sie hat oft erlebt, dass der Weg der Opfer zurück ins Leben länger ist als der der Täter“. Das ist oftmals bei Opfern von Vergewaltigern und Heiratsschwindlern der Fall, auch bei anderen Gewaltopfern. Die Autorin hat derartige Fälle dargestellt und beschrieben, dass viele Täter nach einem Prozeß wieder ihr normales Leben leben, die vielen Opfer, auch deren Angehörige oder Hinterbliebene jedoch allein bleiben mit Schaden, Schmerz und auch Scham. Ein sensibler Bericht.

Die Titelgeschichte „Die Frauen im Sand“ handelt von Verbrechen an Prostituierten, die nach Long Island bestellt werden und verschwinden. Später werden ihre Skelette gefunden. Tragische Fälle, die – wie es sich bei Crime wohl etabliert – auf sehr dramatische Weise geschildert werden als mysteriöse noch unaufgeklärte Fälle, wobei die Schilderungen einen Hang zum Melodramatischen haben. So ähnlich wird auch die Story dargeboten, bei der an verschiedenen Orten (Niederlande und Norwegen) jeweils die Leiche eines jungen Mannes in einem Taucheranzug angespült wird. „Zwei Männer ohne Namen“ heißt diese True-Crime-Story, deren Ermittlungen ergeben, dass die beiden Flüchtlinge, deren Wege sich zufällig kreuzten, wohl von Calais nach England schwimmen wollten. Die Namen wurden dann doch ermittelt. Ebenfalls ein scheinbares Mysterium.

In „Meine Mutter, die Mörderin“ wird eine bayrische Familie vorgestellt, bei der die gewalttätige Ehefrau und Mutter zunächst ihren Mann malträtiert, ihn schließlich ermordet und sich dann schließlich selbst vor Prozessbeginn in der Gefängniszelle erhängt. Wie der älteste Sohn das Drama der Gewalt, das sich über Jahre erstreckte, erlebt und verarbeitet hat, ist hier beschrieben. Und da trifft zu, was Frauke Hunfeld im ersten Beitrag über die Opfer geschrieben hat.

Was geschah mit Frauke Liebs“ ist ebenso ein Fall, der viele Rätsel aufgibt und der Mörder bisher nicht gefaßt wurde. Die junge Frau war 2006 verschwunden, meldete sich noch ein paar Mal per Handy, bei ihrem WG-Mitbewohner. Die Leiche wurde Monate später gefunden. Neben dem WG-Bewohner geben Mutter, Schwester, Freund und der Ermittler Auskunft, wie sie mit dem Verschwinden und dem Mord umgegangen sind.

Mit der Tatortfotografie beschäftigt sich „Downtown Babylon“. Vor Kurzem wurden Fotografien von Tatorten mit und ohne Opfern aus dem Archiv der New Yorker Polizei zugänglich gemacht. Wie die Fotografien damals entstanden und wie es dazu gekommen ist, dass sie nun aufgetaucht sind, kann hier erfahren werden. Die Fotos kommen jedoch in diesem Journal nicht so zur Geltung wie in dem gerade bei Emons erschienenen Buch „Wenn es Nacht wird. Verbrechen in New York 1910-1920 (wird in Kürze hier auf KrimiLese besprochen).

Eine üble Geschichte ist „Die Untersuchung“ über den (inzwischen ehemaligen) Chefarzt, der Probandinnen für eine Studie suchte, ihnen ein Hypnotikum verabreichte und sich dann an ihnen sexuelle Handlungen vollzogen hat. Auf Fotos und Videos hat er seine Taten festgehalten. Aufgedeckt wurden die Machenschaften durch eine Medizinstudentin, die ebenfalls „untersucht“ wurde wie ein Dutzend andere Frauen, die den Arzt ebenfalls anzeigten. Jetzt steht er vor Gericht.

Der Wunderknabe ist ein Beitrag über einen Betrüger, der im großen Stil Wein panschte und als Raritäten versteigern ließ. Der Schaden wird über 100 Millonen Dollar geschätzt – es traf keine armen Schlucker.

Zudem wird der Fall Moshammer in aller Ausführlichkeit beschrieben. Über diesen Fall ist bereits unzählige Male in fast allen Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen berichtet. Langweilt, weil nichts Neues hinzugekommen ist.

Interessant sind die Artikel über den Rechtsmediziner Klaus Püschel und dessen Arbeit, die nicht nur an Leichen durchgeführt wird, sowie die Methoden bei der Zuordnung von Schusswaffen zu Verbrechen. Methoden und Fakten sind allerdings nicht neu, das Beispiel, das der Waffenexperte Thomas Götting anführt, war mir allerdings unbekannt.

Außerdem beinhaltet Crime Nr.03 ein Interview mit Simon Beckett, in dem der Autor viel von seiner Recherchearbeit zu den Hunter-Thrillern erzählt sowie ein paar weitere Artikel.

Dass Bill Gates ein Mensch wie du und ich ist, erfahren die Leser zum Schluss: Als junger Mann fuhr er gern zu schnell, hatte seinen Führerschein nicht dabei. Ganz so wie du und ich ist er dann doch nicht – von seinem Reichtum mal abgesehen -, denn von ihm existieren nette „Verbrecherfotos“, auf denen er eine Tafel mit der Fallnummer um den Hals hängen hat und in die Kamera lächelt.

Geht man von den abgedruckten Leserbriefen aus, wird das Magazin uneingeschränkt begeistert aufgenommen. Dieser Begeisterung schließe ich mich nicht in dieser Form an. Für mich gilt, was ich bereits zur Nr.02 von Crime geschrieben habe:…..das ist Neues und Aufgewärmtes, dazu Geschichten, die ähnlich abgelaufen sind und bereits erzählt wurden.

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4 Antworten zu Crime Nr.03 – Wahre Verbrechen

  1. WortGestalt schreibt:

    Spricht mir quasi aus der Seele, ich finde zwar die Fakten und Hintergrundinfos rund ums Kriminalistische interessant, ebenso wie die kurzen Autoreninterviews, aber das ist auch schon das Beste an dem Magazin. Die Artikel über die Verbrechen sind mir viel zu sehr im RTL-Stil gehalten, setzen auf Effekthascherei, indem zu Beginn etwas angedeutet wird, was dann am Ende doch eigentlich ganz anders scheint und das Vokabular und der Aufbau der Artikel erinnert mich zu sehr ans Boulevard. Melodramatisch trifft es da auf den Punkt, das habe ich genauso empfunden. Ich will mit den Artikel doch keine Sensationslust füttern, sondern hatte eigentlich auf spannende HIntergrundinfos über die Arbeit der Polizei, Ermittlungsverfahren etc. gehofft. Aber bei manchen Berichten komme ich mir vor wie in einem schlechten Groschenroman.

    Viele liebe Grüße, Philly

    • Der Schneemann schreibt:

      „Aber bei manchen Berichten komme ich mir vor wie in einem schlechten Groschenroman.“ Das finde ich interessant, denn genau das sind die ursprünglichen True Crime Heftchen nämlich auch gewesen – Pulp Magazines. Der STERN versucht dagegen nun seit drei Ausgaben eine Gratwanderung. Man möchte zwar an die niederen Instinkte appellieren, aber dabei den Schein des seriösen Journalismus wahren. Heraus kommt ‚CRIME‘, halb Fisch, halb Fleisch. P.S.: Wer sich für die Ursprünge interessiert, dem lege ich dieses feine Sammelwerk zum erschwinglichen Preis nahe: http://www.taschen.com/pages/de/catalogue/popculture/all/42813/facts.true_crime_detective_magazines.htm … oder, wenns erzählend sein soll „Jetzt und auf Erden“ von Jim Thompson, in dem er autobiographisch über seine Arbeit für solche Magazine und das Zustandekommen der Storys erzählt.

      • WortGestalt schreibt:

        Das meinte ich eigentlich nicht. Ich weiß, was du meinst, aber mir ging es hier eher um den Stil, RTL-Explosiv-mäßig in Szene gesetzt und mit Groschenroman meinte ich das billige Inszenieren von gar nicht so dramatischen Dingen als fürchterlich aufregend, ich habe bei Groschenroman auf Lord, Landarzt, Alpenpanorama und grüne Wiesen angespielt, dieses Kaliber meinte ich mir Groschenromanen. Den guten Pulp habe ich damit nicht gemeint, auch wenn mir dessen Wurzeln durchaus bekannt sind. 😉

      • Der Schneemann schreibt:

        Den „guten“ Pulp gibt es sicherlich, aber ich schätze mal fünfundneunzig Prozent bewegte sich auch damals schon genau auf dem von dir beschriebenen Niveau. Das wird gerne mal verklärt, nur weil ein paar Autoren es später zu was gebracht haben 😉

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