Philip Kerr: Der Wintertransfer

Bevor ich über das Buch berichte, kann ich es mir nicht verkneifen, in einem Prolog eines der kitschigsten Zeugnisse über Fußball vorauszuschicken – das Gegenteil von dem, wie ihn Philip Kerr beschreibt.

IMG_5719Prolog zur Rezension:

Ha! Ho! Heja heja he! Ha! Ho! Heja heja he! Ha! Ho!
Heja heja he! Ha! Ho! Heja heja he!

Fußball ist unser Leben,
denn König Fußball regiert die Welt.
Wir kämpfen und geben Alles,
bis dann ein Tor nach dem andern fällt.

Ja, Einer für Alle, Alle für Einen.
Wir halten fest zusammen,
und ist der Sieg dann unser,
sind Freud’und Ehr für uns alle bestellt.

Ein jeder Gegner will uns natürlich schlagen,
er kann’s versuchen,
er darf es ruhig wagen,
doch sieht er denn nicht,
dass hunderttausend Freunde zusammen steh’n.

Ja! Wir spielen immer,
sogar bei Wind und Regen.
Auch wenn die Sonne lacht und andre sich vergnügen,
doch schön ist der Lohn,
wenn hunderttausend Freunde zusammen steh’n.

Ja! Fußball ist unser Leben,
denn König Fußball regiert die Welt.
Wir kämpfen und geben Alles,
bis dann ein Tor nach dem ander’n fällt.

Ja, Einer für Alle, Alle für Einen.
Wir halten zusammen,
und ist der Sieg dann unser,
sind Freud‘ und Ehr‘ für uns alle bestellt.

Ha! Ho! Heja heja he! Ha! Ho! He!

(Wikipedia: Fußball ist unser Leben ist ein WM-Lied der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, das 1973 im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 von Jack White komponiert und produziert und von den damals aktuellen Spielern der A-Nationalmannschaft des Deutschen Fußballbundes eingesungen wurde.)

Der Wintertransfer – Der Rahmen. Philip Kerr beschreibt im Thriller „Der Wintertransfer“ eine andere Welt des Fußballs als es uns Uli Hoeness (JA, DER AUCH) und seine Freunde mit Trainer Helmut Schön gesungen haben. Ungefähr so, wie der Profifußball heute auf dem Platz und abseits – und dort mit aller Härte des Geschäfts gelebt wird. Es ist, als wenn Günter Wallraff undercover als Co-Trainer in die Welt der englischen Premier-League eingetaucht wäre und nun von den Machenschaften berichten würde: über russische Oligarchen, die sich Vereine kaufen, mit deren Spielern sie umgehen wie mit Aktienpaketen – mal gekauft, dann wieder abgestoßen, und was noch so auf dem Transfermarkt alles möglich ist -, über die Geschäfte der FIFA, über alles Dunkle einschließlich der Vergabe der WM nach Katar, über das, was neben dem Rasen rund um den Fußball passiert.

Scott Manson ist dieser Co-Trainer und er erzählt, was ihm zur Zeit des Wintertransfers passiert, was sich um ihn herum beim fiktiven London City ereignet. Dabei entlockt Kerr seinem Protagonisten eine erhebliche Menge Fakten aus der realen Fußballwelt. Highlights und Abstürze von Spielern, Trainern und Mannschaften der letzten Jahrzehnte werden erwähnt und in Beziehung gesetzt zu den Dingen, die bei London City passieren. Und Manson kennt sich aus. Schließlich hat er selbst eine Karriere in der Premier League als Spieler hinter sich, war bereits Co-Trainer bei Pep Guardiola und als halber Deutscher (seine Mutter ist Deutsche) vertraut mit dem Fußball bei uns und auf dem Kontinent. Robert Enkes tragischer Suizid wird ebenso angesprochen wie das Finanzgebaren spanischer Clubs, aber das ist wie wir lesen (und wissen) nicht wesentlich entfernt von dem der englischen Clubs. Es ist ein Buch; in dem von der Überheblichkeit aller am Geschäft Beteiligten zu lesen ist, von der Faulheit einiger Spieler, die die fette Kohle absahnen, und ihrer Eitelkeit, vormittags beim Training ihre Frisur zu schonen, wenn sie nachmittags einen Werbespot für Haarshampoo zu drehen haben.

Es ist schwarzer Humor, es ist auch Satire wie die Fußballszene beschrieben wird und enthält verdammt viel Wahrheit.

Der Wintertansfer – Die Handlung. Die Periode des Wintertransfers um Weihnachten herum und im Januar ist die heißeste Phase im englischen Fußball. Viele Spiele, dazu die Jagd nach Verstärkung und das Wegloben der Luschen.

Manson hasst diese Zeit. In dieser Periode kommt noch hinzu, dass der Trainer von London City, João Zarco mit schweren Kopfverletzungen tot in einen entlegenen Winkel des Stadion aufgefunden wird. Tage zuvor war mitten auf dem Fußballfeld eine Grube, ein Grab, ausgehoben worden, in das ein Foto des Trainers hineingelegt war.

Manson erhält vom russischen Besitzer des Clubs den Auftrag, den Mörder von Zarco schneller als die Polizei zu ermitteln. Daer Job als Trainer wird ihm in Aussicht gestellt sollte er erfolgreich sein.

So schnüffelt denn Manson und er erschnüffelt vieles, was stinkt. Sowohl das Privat- als auch das Berufsleben des toten Trainers verlief nicht immer geradlinig und ohne Fouls. Der russische Clubbestitzer kam – wen wundert’s – auf dubiose Weise zu Reichtum, beherrscht Bodychecks und bereits erwähnte Methoden der Personalführung. Schließlich, und das geschieht fast in der Nachspielzeit, findet Manson Grund und Verursacher für das blutige Dahinscheiden des Trainers. Und das Resultat überrascht.

Der Wintertransfer – Die Sprache. Klar und deutlich für Arschlöcher wie die Spieler (dies ist ein Zitat, ich halte die Spieler selbstverständlich für höchst ehrenwerte Mitglieder der Gesellschaft), verbindlich gegenüber dem großen Boss, kumpelhaft im Mittelfeld von Trainern, Funktionären und Platzwart.

Der Wintertransfer – für Leser, die Krimis mögen und eine Beziehung zum Fußball haben – seien es die Jubelfans oder die Kritiker, die Profi- und Semiprofifußball für eine korrupte Angelegenheit für Geschäftemacher und Blendung naiver Fans halten. Für jene Fußballer selbst, damit sie erfahren, wie in ihrem Umfeld agiert wird und welche Rolle sie selbst spielen – falls sie es noch nicht wissen.

Für alle, die die Wahrheit in Bill Shanklys (damals Trainer vom FC Liverpool) Aussage erkennen: Some people believe football is a matter of life and death, I am very disappointed with that attitude. I can assure you it is much, much more important than that.

Der Wintertransfer – für Leute wie Thomas Wörtche, einem der bedeutendsten Experten für Kriminalliteratur, der stets bei Facebook jubelt, wenn Bayern München gewinnt.

Das sind die Zielgruppen, an die sich Philip Kerr wendet – und sie mit  Der Wintertransfer erreicht. Der Krimifreund ohne eine positive oder negative Beziehung zum Fußball wird möglicherweise über die geringe Substanz der Krimihandlung unzufrieden sein – aber wer kann sich schon dieser Species von Mensch zurechnen, denn: „Fußball ist unser Leben“ oder zumindest ein Teil davon.

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Originaltitel: January Window, UK 2014, dt 2015 (Übersetzung: Axel Merz)

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So schreibt AxelB, der sich selbst der „Fußball-ist-mir-egal-Fraktion“ zuordnet, auf „Kriminalakte“: Hier

Marcus Müntefering über das Buch auf seinem Blog „Krimi-Welt“: Hier

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8 Antworten zu Philip Kerr: Der Wintertransfer

  1. Gunnar schreibt:

    Du kommst mir ein paar Tage zuvor. Die Seitenhiebe aufs Fußball-Establishment haben mir auch sehr gefallen, die Krimihandlung fand ich hingegen etwas mau.

  2. meikesbuntewelt schreibt:

    Und ich habe nun einen Ohrwurm. Ich weiß nicht recht, ob ich dir dafür dankbar sein soll …

  3. crimenoir schreibt:

    Ich bin auf Seite 300 und mir gefällts, Krimihandlung mag mau sein, aber das macht in diesem Fall gar nichts 🙂

    • Philipp Elph schreibt:

      Sehe ich auch so. Ich habe mich jedenfalls köstlich amüsiert, das Fußballgeschäft „aus der Sicht eines Trainers“ zu erleben.

  4. Pingback: Philipp Kerr: Die Hand Gottes | KrimiLese

  5. Pingback: Philip Kerr: Die falsche Neun | KrimiLese

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