Merle Kröger: Havarie

P1020329Die Jurymitglieder der monatlich erscheinenden Krimi-Bestenliste der ZEIT sind stets bemüht, außergewöhnliche Neuerscheinungen in der Kriminalliteratur als die Krimis auszuwählen, die ihnen am besten gefallen. Krimis, die im Mainstream mit schwimmen, finden sich in dieser Liste selten oder nie. In den letzten beiden Monaten ist Merle Krögers Havarie auf Platz 1 gewählt worden.

Ob das Buch ein oder kein oder gar mehr als ein Krimi ist, wird derzeit vornehmlich im Netz unter Bloggern, Literaturkritikern und Krimispezialisten diskutiert. Geschmäcker sind verschieden, Fachleute sich nicht immer einig.

Merle Kröger ist mit diesem Roman, der auf realen Ereignissen basiert, zumindest zweierlei gelungen: Aufmerksam zu machen auf die Flüchtlingsdramen, die sich weltweit und speziell im Mittelmeer abspielen, und uns die letzten Illusionen von der scheinbar heilen Welt auf den feinen Kreuzfahrtschiffen. Zudem geht es um Umweltzerstörung und katastropahle Folgen für die Gesundheit der Menschen, die menschliche Seite des Ukrainekonflikt wird an einem Beispiel aufgezeigt. Und irgendwo wird in der Vergangenheit einer Kreuzfahrtlerin gegraben, die durch Zufall nicht auf der letzten Fahrt der Wilhelm Gustloff an Bord war.

Ein pickepackevolles Buch mit diversen Schicksalen.

Und nicht die Schiffe – das kleine Schlauchboot mit den Flüchtlingen, das riesige Kreuzfahrtschiff, ein verrottendes Containerschiff sowie ein spanischer Rettungskreuzer – havarieren im Nebel auf dem Mittelmeer zwischen Algerien und der spanischen Küste, es sind die elf Personen, deren Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Merle Kröger beschreibt. Personen, die auf verschiedene Art untergehen, ihr Leben oder den Sinn des Lebens verlieren oder bereits verloren haben – auch wenn der eine oder andere sich und die Zukunftsträume noch nicht aufgegeben hat.

Episodenhaft werden die Personen vorgestellt:

Der Steuermann des Schlauchboots, der schon mehrfach versucht hat, Algerien zu verlassen, der endlich ein glückliches Leben auf dem europäischen Kontinent mit seiner Zukünftigen führen möchte, die den Weg über das Wasser in die Illegalität bereits geschafft hat. Eben dieser Steuermann, er ist mehr Flüchtender als Schlepper, in großer Hoffnung auf das Wiedersehen, bis dem Schlauchboot in Sichtweite des Kreuzfahrtschiffs das Benzin ausgeht.

Der Illegale auf dem Kreuzfahrtschiff, in seiner syrischen Heimat ein Arzt, heute im Rumpf des Schiffes in der Wäscherei beschäftigt. Nachdem er ein starke Kopfverletzung erleidet, wird der Mann vom Security-Officer auf skrupellose Weise entsorgt.

In kurzen Sequenzen werden diese Ereignisse in ständigem Wechsel mit denen der anderen Personen geschildert. Aufregend, ergreifend, zum Entrüsten. Herausgeberin Else Laudan bezeichnet die Art der Darstellung als furiose Choreographie, die zeitweilige Atemlosigkeit verführe dazu, das Buch als so viel mehr als einen Thriller zu bezeichnen.

Nun denn – gleich ob Krimi/Thriller oder nicht oder mehr –, ich will mir keine Gedanken machen um die Zuordnung zu einem Genre, keine Phrase dreschen über das Genreübergreifende in diesem Roman. Ich denke nur darüber nach, wie nahe die hier beschriebenen Fiktionen an der Wirklichkeit sind, zu welchen Havarien es im Mittelmeer und anderswo, wo es um Flüchtlingsschicksale geht, kommt. Über die Ursachen und die Folgen. Dafür danke ich der Autorin.

Und schließlich danke ich auch der Jury der Krimi-Bestenliste der ZEIT, dass sie durch ihr Votum auf das Buch und die darin behandelten Probleme hinweisen.

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Das Buch ist erschienen als Ariadne Kriminalroman im Argument Verlag, das eBook ist bei CulturBooks veröffentlicht.

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2 Antworten zu Merle Kröger: Havarie

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