Robert Brack alias Virginia Doyle: Die rote Katze

Brack_RoteKatze-336x532Eine Revue-Tänzerin im Rote-Katzen-Kostüm wird in ihrer Garderobe erdrosselt. Tatort: Das Vergnügungsviertel St. Pauli im Jahre 1903. Just zu dem Zeitpunkt ist Heinrich Hansen in den Polizeidienst eingetreten und ermittelt, um den Mörder zu finden.

Hansen ist in St.Pauli aufgewachsen, war sechs Jahre im Dienst der Marine, „unterwegs auf den sieben Meeren“. Nun trifft er auf die alte Heimat, die sich vom Hafenviertel mit üblen Spelunken, billigen Absteigen, dubiosen Büros zum Anheuern der Matrosen und den alteingesessenen Handwerksbetrieben in ein scheinbar nobles Vergnügungsviertel verwandelt hat. Heinrich Hansen muss sich dabei in seine veränderte Heimat wieder einleben, erfährt den Wandel des Stadtteils. Es ist ein großer Umbruch, der in St.Pauli stattgefunden hat. Mit ihm hat sich auch ein Teil der Bevölkerung geändert, angepasst an die neuen Verhältnisse. Auch die alten Freunde aus seiner ehemaligen Kinderbande „Die Kaperfahrer“ haben sich verändert. Nicht alle davon gehen heute einem „ehrbaren“ Beruf nach, geraten sogar ins Visier von Hansens Ermittlungen.

So ist neben der Aufklärung des Mordfall die Beschreibung des Vergnügungsviertels zur vorletzten Jahrhundertwende interessanter Teil des Krimis. Die „Vergnügungsinstitutionen“, das dazugehörige Personal und die Besucher werden beschrieben, dazu die Entwicklung sozialdemokratischer Strömungen in der Arbeiterklasse vor Ort. Hansen wird zudem zu einer Zeit Polizist, in der eine neue Methode der Personenidentifizierung, die Daktyloskopie, eingeführt wird. Während in Hamburg gerade die Anthropometrie, die Körpervermessung, eingeführt wurde und viele Daten von Verbrechern auf Karteikarten gesammelt werden, ist ein großer Teil der alten Garde der Ermittler der Identifizierung von Kriminellen mittels Fingerabdruck äußerst skeptisch gegenüber. Hansen gerät in diese Phase des Umbruchs und kann sogar diesen neumodischen Kram bei der Jagd nach dem Mörder erfolgreich einsetzen.

Geschildert wird auch der Weg Hansens von der kindlichen Bande der Kaperfahrer und deren Zerbrechen, die Entwicklung ihrer Mitglieder, speziell die des frischgebackenen Ermittlers, der in schwierigen familiären Verhältnissen aufwuchs, schließlich die Familie verlor. Sein Ziel, Polizist zu werden, um das Schicksal seiner Familie aufzuklären, erreicht er über den sechsjährigen Umweg bei der Marine.

Und Entwicklung des jungen Heinrichs ist die Basis zu Bracks St.Pauli-Trilogie, deren erster Teil Die rote Katze. Die drei Kriminalromane liegen nun als E-Books vor. Teil 2, Der gestreifte Affe, spielt an gleicher Stelle kurz nach dem 1. Weltkrieg zu einer Zeit, als die Kriminalisierung des Kiez recht weit fortgeschritten ist. Teil 3, Die schwarze Schlange, zeichnet ein Bild von St.Pauli mit Mord zu Beginn des 2. Weltkriegs. Die Romane wurden zunächst vor etwa 10 Jahren bei Heyne veröffentlicht. Damals schrieb Robert Brack unter dem Pseudonym Virginia Doyle.

Die Trilogie ist eine gelungene, sorgfältig recherchierte Milieubeschreibung und ein Sittengemälde der jeweiligen Zeit des bekannten Hamburger Stadtteils und der Arbeit der Polizei in den dazugehörigen Epochen – dargeboten als Kriminalromane mit Mord und anderen Kapitalverbrechen.

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Als E-Book 2015 bei Midnight (Ullstein) erschienen. Erstmals 2004 erschienen bei Heyne

 

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3 Antworten zu Robert Brack alias Virginia Doyle: Die rote Katze

  1. Gunnar schreibt:

    Von Robert Brack habe ich auch noch ein ungelesenes Buch. Danke für die Aufklärung des sperrigen Autorennamens „Robert Brack schreibt als Virginia Doyle“. Klingt ansonsten sehr schräg.

  2. richensa schreibt:

    Danke für den Tip!

  3. Pingback: Robert Brack schreibt als Virginia Doyle: Die schwarze Schlange | KrimiLese

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