Gary Victor: Soro

P1020595Dies ist ein Krimi mit zwei Hauptakteuren: Inspektor Dieuswalwe Azémar, den kennen wir bereits von Schweinezeiten, und Soro – und mit dem kennt sich Azémar bestens aus, wird die größte Zeit und immer mehr von ihm beherrscht. Soro ist ein mit den Blättern der Bittermelone aromatisierter Zuckerrohrschnaps. Azémar kann ohne diesen Partner im korrupten Haiti als einziger moralisch integre Polizist des Landes nicht leben. Soro begleitet ihn, Soro bestimmt sein Leben. Auch an dem Tag, an dem er es mit der Frau seines einzigen wirklichen Freund treibt und diese rittlings auf ihm bei dem großen Erdbeben von dem Beton eines billigen Hotels erschlagen wird.

Der Inspektor entkommt den einstürzenden Wänden und Decken, lässt die Frau seines Kommissars tot zurück. Und der Kommisar will am nächsten Tag nur eins: Azémar soll ihm den Liebhaber seiner Frau liefern. Eine Kugel würde der gehörnte Ehemann dem Typen in den Kopf jagen.

Wenn der Kommissar nur wüsste….

Azémar, dessen Sauf- und andere Eskapaden von seinem Vorgesetzten stets gedeckt wurden, der der einzige Freund ist, den er noch hat, verliert das letzte Stückchen Würde, muss den Auftrag ausführen – mit weniger oder mehr Soro im Blut. Soro, der ihm den Kopf so zugedröhnt hatte, dass er gar nicht das Risiko erkannte, dass er im Hotel einging.

Das ist die eine Geschichte, die Gary Victor hier auf 140 Seiten erzählt, wie Azémar versucht, aus dieser Geschichte lebend rauszukommen. Aber Victor erzählt wesentlich mehr. Es ist auch die Geschichte des fürchterlichen Erdbebens vom 12. Januar 2010, die er, indem Azémur es erlebt, beeinduckend schildert. Es ist auch die Geschichte vom versuchten Anheuern des Kommissar für eine illegale Truppe, die helfen soll, die kriminelle Ziele einiger korrupter Mitglieder der Regierung zu erreichen. Zudem die Geschichte, wie schnell gescheiterte, geldgierige Existenzen zu Gewinnlern zur Zeit der Katastrophe werden können, dabei nicht vor einem Mord zurückschrecken. Und das alles auf 140 Seiten.

Und obwohl in der Nacht des Bebens ein Zombie gesehen sein soll, obwohl Azémar die Hilfe eines Voodoo-Priesters in Anspruch nimmt, um seinen Kopf vor der Kugel des Vorgesetzten zu bewahren, ein Voodoo-Krimi ist dies nicht, auch wenn der Titel auf dem Cover so ausgelobt wird. Zum Glück! Denn es gibt genug Handlungsstränge und nimmt man die Schilderung der Verhältnisse während und kurz nach dem Beben dazu, liegt mit Soro ein Buch vor, das kompakter und drastischer gar nicht geschrieben werden kann, den Ballast des Voodoo-Zaubers und deren Priester in keiner Weise bedarf, um ein herausvorragender Krimi voller spannender Elemente zu sein.

Am Ende hat Inspektor Dieuswalwe Azémar seine Waffe an den Kopf einiger Krimineller gehalten und abgedrückt – in Verpflichtung der Werte, die er hochhält. Und sein Vorname? Der französische Vorname Dieusoitloué, den der Inspektor mit zwei „W“ ins Kreolische übertragen hat. Die Bedeutung: „Gott sei gelobt“. Azémar zweifelt daran, dass er den Namen nach all den Ereignissen am 12. Januar 2010 und seiner Beziehung zu Soro noch zu Recht trägt. Ich bin der Meinung, er trägt ihn zu Recht.

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Originaltitel: Soro, (Kanada, 2011) dt. 2015 (Übersetzung aus dem Französischen von Peter Trier), Verlag: litradukt

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