Jérémie Guez: Paris, die Nacht

P1020247Es ist nicht nur die Sprache der jungen Leute, die nachts durch Paris latschen – mal ohne Ziel, mal mit. Abseits des Lebens des Paris-Tourismus mit seiner heilen Welt der schönen Dinge, auch abseits des feinen saufenden Studentenvolks der Pariser Eliteuniversitäten.

Es ist die Sehnsucht nach einem besseren Leben, die aber immer wieder überdeckt wird von der Erkenntnis, dass ihnen der Weg in eine derartige Zukunft verschlossen bleibt. Ausbrechen aus diesem Migranten-Drogen-Lethargie-Milieu, das möchten Abraham und sein bester Freund Goran. Und sie wittern eine Chance, wollen sie nutzen, ein paar dicke Fische der kriminelle Szene um eine erkleckliche Summe erleichtern, um damit ein neues Leben anzufangen. Mal euphorisch, mal skeptisch planen sie den großen Coup. Sie wollen die Typen beim illegalen Glücksspiel überraschen und deren Bares mitnehmen.

„Da, wo ich herkomme, leben alle zusammen in einem Zimmer, in Wohnungen, deren Wände so dünn sind wie Zigarettenpapier.“

Das völlige Fehlen der Intimsphäre, dazu Mangel an Bildung und ständig drohende Gewalt, das ist es, was Abraham mürbe macht und in Verkennung der wahren Machtverhältnisse im Kiez wagen läßt, Leute auszurauben, die eine Nummer zu groß sind für die kleinen Ganoven, die mal ein bisschen dealen, sich mal gegen unverhältnismäßige Polizeigewalt zur Wehr setzen. Das ist die Geschichte von Abraham, Goran und ihren Freunden und sie geht, wie Abraham – dumm ist er nicht – schon frühzeitig merkt, nicht gut aus.

„Erbarmen, sie haben ein besseres Leben verdient“, möchte man beim Lesen rufen. Aber die jungen Männer haben ihre Zukunft schon hinter sich, können noch mal den einen oder anderen Versuch unternehmen, aus diesem Dilemma herauszukommen, davonzulaufen. Aber es bringt nichts. Sie wissen es, kehren wieder zurück – und: Trauriges Finale.

Jérémie Guez ist kaum älter, als er die Geschichte von Abraham & Co niederschreibt, kennt das Milieu, hat selbst einen Teil seines Lebens in der Umgebung und in Situationen verbracht, wie er sie Abraham erleben lässt. Guez schreibt aus dieser Sicht locker und unbefangen. Und das ist gut so, erwachsen kann er noch werden. Es bei weiteren Teilen seiner Paris-Trilogie zeigen, mit deren erstem Teil Paris, die Nacht er sich den deutschen Lesern hier vorstellt. Es sind die Bilder der Banlieue mit ihren wütenden Jugendlichen, den brennenden Autos, die sich beim Lesen zu den Szenen des Romans gesellen. Ein Paris, das ich nicht erleben möchte, eine düstere Szenerie, von Jérémie Guez nachdrücklich und  eindrucksvoll beschrieben.

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Originaltitel: Paris la nuit (Frankreich 2011), dt 2015 (Übersetzung: Cornelia Wend)

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