Adrian McKinty: Die verlorenen Schwestern

P1020283Adrian McKinty weiß, wie es war, in Carrickfergus (Nordirland), 1983. Er hat dort gelebt. Bis 2001. Dann hat er das Land verlassen. Erst Denver (USA), inzwischen lebt er in Melbourne.

Damals, 1983, bückte sich Sean Duffy, katholischer Bulle im überwiegend protestantischen Teil der Insel, jedes Mal, bevor er in seinen BMW einsteigen wollte, schaute unter sein Auto, ob da eine Bombe angebracht war. Polizisten, gleich ob von der RUC (Royal Ulster Constabulary) oder einer Spezialeinheit, die hier auf IRA- und andere Terroristen Jagd machte, waren nicht die Freunde des Großteils der Bevölkerung, Feinde der IRA und anderer terroristischer Gruppen allemal.

So hat Duffy kaum eine Chance, den aus einem Gefängnis ausgebrochenen Top-Terroristen Dermot McCann aufzuspüren. McCann, ein in Libyen geschulter Bombenspezialist der IRA, scheint eine riesige Bedrohung zu sein. Es wird vermutet, dass er einen Anschlag, ein großes Beben, inszenieren will. Ex-Schulkamerad Sean Duffy, bekommt vom Geheimdienst die Aufgabe ihn aufzuspüren. Aber – siehe oben – Informationen zum Verbleib erhält er zunächst nicht. Dafür das Versprechen der ehemaligen Schwiegermutter des Terroristen: Sobald Duffy ihr den Mörder einer ihrer Töchter, Lizzie, liefert, will sie den Aufenthaltsort von McCann preisgeben. Lizzie war vier Jahre zuvor tot mit gebrochenem Genick im Pub ihrer Eltern aufgefunden worden. Die Türen des Pubs waren verschlossen und verriegelt, die Fenster vergittert und andere Ausgänge wurden nicht gefunden. Für die Polizei war der Tod die Folge eines Unfalls. Mutter und Freund der Tochter glaubten fest, dass Lizzie ermordet wurde; daran hat sich bis heute nichts geändert.

Unfall oder lösbares „Locked Room Mystery“, das hat Duffy zunächst zu klären. Um dieses Rätsel zu lösen, muss seine eigentliche Aufgabe zunächst in den Hintergrund treten, der Familie der Toten gegenüber sogar verleugnet werden. Aber Duffy ist ein zielstrebiger Typ, der nicht verblendet ist von der politischen Situation seiner Umgebung, sondern die menschliche Schwächen der Familie und ehemaligen Freunde von Lizzie durchleuchtet, bis er den Magier findet, dessen simplen Trick erkennt.

Dann wird es Zeit, sich um den Verbleib von McCann zu kümmern, von dem immer noch jede Spur fehlt – bis kurz vor dem geplanten Anschlag. Irgenwann endet dann die Mission von Duffy, der sich überlegt, Nordirland den Rücken zu kehren. Aber vor der Fähre nach Campeltown, die ihn zur schottischen Halbinsel Kintyre bringen könnte, kehrt er um.

Duffy geht nicht den Weg des Autors, weg aus Krieg und Chaos.

Duffy, der einst vom Detective Inspector zum einfachen Sergeant degradiert worden war, weil er bei seiner Arbeit Vorgesetzten und Geheimdienst auf die Füße getreten hatte. Zurückgeholt und mit dem alten Dienstgrad wieder ausgestattet, um den Bombenspezialisten der IRA wieder einzufangen. Schließlich verwickelt in ein Ereignis, von höchster politischer Bedeutung, bereit „für den kommenden langen, langen Krieg….“. Cooler Typ, Sean Duffy, der Geständnisse mit der Waffe herauspressen kann, aber was soll’s, ist Nordirland in den 90ern des letzten Jahrhunderts, da braucht es solche Typen.

Adrian McKinty zeigt die Hoffnungslosigkeit und den Frust von Duffy und Kollegen, die einerseits nichts an den zerrüttenten Verhältnissen des Landes ändern können, andererseits Zielscheibe der Terroristen sind und von der Bevölkerung verachtet werden. Auch wer sein Land liebt wie Duffy, ist ein Außenseiter in der Gesellschaft, die seine Heimat ist, wenn ihn zwei wesentliche Eigenschaften als „nicht gesellschaftsfähig“ abstempeln: Polizist sein und somit offiziell kein Anhänger der Unabhängigkeit vom UK

Dies ist der dritte Teil der Sean Duffy-Tetralogie (Band 1: Der katholische Bulle, Band 2: Die Sirenen von Belfast, Band 4 ist in Deutschland noch nicht veröffentlicht)

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Original: In the Morning I’ll be gone (UK 2014), dt. 2015 (Übersetzung: Peter Torberg) als Suhrkamp Taschenbuch

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