Herman Koch: Odessa Star

P1020148Das Leben von Fred Moormann ist geprägt von Mittelmäßigkeit und Spießertum. Er wohnt irgendwo mit seinesgleichen in einer schlichten Gegend Amsterdams, fährt einen popligen Opel, fühlt sich von Frau und pubertierendem Sohn nicht mehr verstanden. Auf der Party zu seinem 47. Geburtstag sind zumeist Langweiler als Gäste, außer Max G. und dessen Anhang.

Max G. ist ein ehemaliger Klassenkamerad von Fred. Vor Kurzem ist Fred seinem alten Kumpel wieder begegnet und seitdem sehnt sich der Spießer nach einem Wandel in seinem Leben. Er möchte so werden wie Max G.: gut ausgestattet mit Geld, teurem Auto und tollen Freunden.

Dabei sollte erwähnt werden, dass Max G. Reichtum und Ansehen durch kriminelle Geschäfte in großem Stil erworben hat und pflegt und auch nicht zimperlich ist im Umgang mit Menschen, die ihm im Weg stehen.

Zwischen den beiden entwickelt sich etwas, was Fred als Freunschaft ansieht und Max G. erweist dem zunächst naiven Fred auch so manchen Freundschaftsdienst.

„Aber dann kommt der Moment des Gegendienstes, denn so läuft es doch in diesem Milieu. Da gibt’s doch nichts umsonst.“

Es ist eine Geschichte von dem Versuch, das alte, ungeliebte Milieu hinter sich zu lassen. Von diesem alten Leben wird zunächst in großer Breite erzählt. Danach beginnt der Weg zum neuen Ziel. Fred ahnt zunächst nicht, dass sein Freund alle Arrangements nicht nur aus reiner Freundschaft und Nächstenliebe trifft. Als er dann aber seine Naivität ablegt, ist er mittendrin in einem Projekt, von dessen Ausgang verschiedenen Seiten profitieren können. Welchen Wandel Fred dann vollzieht, ist schwer zu erklären. Ist es die Moral des Spießers oder die Raffinesse des cleverer gewordenen Spießers? Schwer zu sagen, da die Geschichte dann auf einem Nebenschauplatz zu Ende geht, denn Max G. wird erschossen.

Nun sind wir ja fast alle mehr oder weniger spießig, träumen manchmal von einem neuen Leben oberhalb des Mittelmaßes. Solche Sehnsüchte beschreibt Herman Koch treffend teils durch Freds boshafte Äußerungen, dann wieder mit einem Humor, der das Leben dieses Durchschnittsmenschen und seinem Sehnen und Streben nach Höherem und die darin verborgene Tragik beschreibt.

Ein amüsanter, weitgehend herzschonender Roman.

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Originaltitel: Odessa Star (Niederlande 2003, 2009), In Deutschland zunächst als Hardcover erschienen (2013), 2015 als Taschenbuch. Übersetzung: Christiane Kuby

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2 Antworten zu Herman Koch: Odessa Star

  1. meikesbuntewelt schreibt:

    Herzschonend klingt aber ein bisschen … langweilig?

    • Philipp Elph schreibt:

      Langweilig? Vielleicht, vielleicht nicht. „Ohne große Spannung“, so habe ich den Roman empfunden.

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