Don Winslow: London Undercover

P1020108Friends of the Family ist das Tochterunternehmen einer angesehenen U.S.Privatbank, das sich um die Probleme nicht nur geschäftlicher sondern auch privater Art seiner Kunden kümmert.

(Anmerkung am Rande: Wäre unser damaliger Bundespräsident, der Herr Wulff, Kunde jener Bank gewesen, er hätte zweifellos seine 1. Amtsperiode und auch noch eine zweite ohne Skandälchen überstehen können. Dass Bill Clinton möglicherweise dort ein Konto hatte, ist vorstellbar, denn schließlich bekam er sein bestes Stück ohne größere Probleme aus dem Mund seiner Praktikantin heraus und erlitt weder politischen noch gesellschaftlichen Totalschaden – nur so als kleine Beispiele für Tätigkeit und Qualität der Friends of the Family.)

In London Undercover benötigt ein Senator die Hilfe dieser Firma. Zur Vorstellung für die Kandidatur zum Vizepräsidenten muss er seine heile Familie der Öffentlichkeit vorstellen. Und da es gar nicht so einfach ist, das minderjährige Töchterlein von zu Hause ausgerissen und untergetaucht ist, ihren Lebensunterhalt angeblich als Nutte und an der Nadel hängend fernab ihrer Eltern in London verdient, wird die Wiederbeschaffung eine delikate Aufgabe für die Friends. Die Ausreißerin soll termingerecht und clean in New York dem Kandidaten für das hohe politische Amt übergeben werden.

Den Auftrag erhält „Son“ Neal Carey über „Dad“ Joe Graham vom Big Boss der Friends. Dad hat Neal als Elfjährigen sozusagen im Auftrag der Friends adoptiert und den damaligen kleinen Taschendieb zu einem cleveren Kerl erzogen. Heute kann Neal, dessen Leben und Studium von den Friends finanziert wird, alles was für derartige Jobs benötigt wird – alles! Und als er einen Tag vor seiner großen Prüfung in Englischer Literatur des 18. Jahrhunderts vom großen Boss der Friends abgerufen wird um dieses eine Problem für das bedeutende Mitglied der Family zu lösen, ist Neal der Weg nach London bereits bereitet. Ein Zurück gibt es für den angehenden Literaturwissenschaftler nicht. Doch in London muss er den eigenen Weg zu dem missratenen Miststück Allie finden, alles tun um den Auftrag zu erfüllen. Es scheint eine Mission Impossible zu sein, denn die Voraussetzungen erweisen sich als äußerst mies.

Don Winslow hat diesen ersten Teil einer fünfteiligen Neal-Carey-Reihe 1991 geschrieben. Bereits 1997 erschien Neal Careys erster Fall in Deutschland, damals unter dem Titel „Ein kalter Hauch im Untergrund“. Zu einer Zeit, als Winslow noch nicht durch Tage der Toten, Frankie Machine und Zeit des Zorns in Deutschland bekannt war und seitdem als einer der bedeutendsten zeitgenössischen amerikanischen Krimiautoren gilt. Nun hat der Suhrkamp diese Reihe wiederentdeckt und wird die Folgebände im Abstand von jeweils zwei Monaten in neuer Übersetzung von Conny Lösch erscheinen lassen – ein Jahr nachdem Vergeltung von vielen Kennern der Thriller-Szene arg verrissen und viele der Friends of Winslow bitter enttäuscht wurden.

London Underground ist die Geschichte von Neal, der es vom kleinen Taschendieb zum gewieften Ermittler und Problemlöser aufsteigt, dabei den Traum vom Professor für Englische Literatur träumt. Es ist aber auch die Story, die einem Privatdetektiv auf den Leib geschneidert zu sein scheint, von Winslow temporeich und spannend erzählt. Mit schmerzhaften Wendungen und üblen Intrigen. Im Hintergrund agiert mafiaartig aber nur zum Guten ihrer Klienten die Firma, die sich Friends of the Family nennt und allen ihren ehrenwerten und/oder potenten Kunden dabei hilft, deren Ziel – seien sie nun moralisch oder unmoralisch, legal oder auf Verbrechen basierend – zu erfüllen. Wobei „Son“ Neal und „Father“ Graham in London Underground doch so etwas wie eine moralische Instanz darstellen.

Nach der Enttäuschung durch Vergeltung kommt mit dem ersten Band der Neal-Carey-Reihe wieder ein Winslow auf den Markt, der die Anzahl der Friends of Winslow zweifellos steigern wird.

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Original: A Cool Breeze on the Underground (USA, 1991), in neuer deutscher Übersetzung von Conny Lösch 2015 erschienen als Suhrkamp Taschenbuch

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