Robert Brack alias Virginia Doyle: Der gestreifte Affe

Brack_GestreifteAffe-230x364Polizist sein auf St.Pauli war zu keiner Zeit einfach. Besonders nicht kurz nach dem 1.Weltkrieg, als Kommissar Hansen dort Revierleiter der Davidwache wird. Neben den Taten der Kleinkriminellen blüht nicht nur das große Geschäft auf dem Kiez – Prostitution, Drogenhandel, illegales Glücksspiel -, die Leute von der Wache müssen sich auch mit Waffenschieberei und mit Kämpfen der großen Bosse der Halbwelt und Unterwelt um die Herrschaft in dieser Szenerie beschäftigen – und anderen Widrigkeiten: Während die Inflation ihren Lauf nimmt, versuchen die Staatsdiener ihren Lohn zu erstreiken. Zudem planen diverse politische Kräfte den Aufstand, die Revolution. Sie decken sich mit Waffen ein, es gibt auch schon erste Geplänkel im Zuständigkeitsbereich von Hansens Revier.

Nach dem Motto „Leben und leben lassen“ versucht die Polizei ein gewisses Gleichgewicht auszubalancieren. Wird eine kriminelle Richtung zu ausufernd, greift die Truppe der Davidwache ein. Dann arrangiert man sich wieder.

Wenn aber Morde passieren, ist es mit der Geduld von Hansen & Co vorbei. Und als mehrere Morde von einer riesigen Gestalt, stark behaart und mit nahezu übermenschlichen Kräften ausgestattet, verübt werden, ist es mit dem scheinbaren Idyll des Vergnügungsviertels endgültig vorbei. „Der gestreifte Affe“ geht um, mal erwischt es einen Drogenhändler, mal einen Nachtclubbesitzer. Gesucht wird nach dem Unikum, vor allem aber nach dem Strippenzieher, der die Herrschaft über die Vergnügungsetablissements an sich reißen will. Zwar hat Hansen zu vielen der kleinen und großen Player Zugang. Einige der großen kennt er gar schon aus Kindertagen, als er zusammen mit ihnen in der „Bande der Kaperfahrer“ gewirkt hat. Inzwischen haben sich die Kinder von damals allerdings in sehr unterschiedliche Richtungen entwickelt und nur der Kommissar hat den Boden der Legalität nicht verlassen. Es kommt zu delikaten Wiedersehen, zum Schluss zu einem revueartigen Showdown, dem Ort der Handlung angemessen.

Der gestreifte Affe ist der zweite Teil der St. Pauli-Trilogie, den Robert Brack unter dem Pseudonym Virginia Doyle vor 10 Jahren zunächst bei Heyne veröffentlicht hat. Nun ist der Roman als E-Book erschienen.

Der gestreifte Affe ist aber nicht nur ein Kriminalroman, sondern auch eine opulente Milieubeschreibung des Hamburger Vergnügungsviertels in der Zeit nach dem I.Weltkrieg mit all seinen schmuddeligen und glanzvollen Ecken. Er beinhaltet aber auch die Beschreibung der Arbeit, der Ausrüstung, aber auch der Nöte der damaligen Polizei auf dem Kiez.

Robert Brack hat dazu umfangreiche Recherchen durchgeführt und viele Details aus jener Zeit zusammengetragen. So hat er Polizeiberichte, Zeitungsartikel und Bücher aus der Zeit, ebenso Lebensberichte von Polizisten und Bewohner des Stadtteils gelesen. Zudem Sachbücher über die politischen und sozialen Umstände im damaligen Hamburg. Brack ließ sich in der Davidwache herumführen, durchstöberte dessen Archiv und ließ sich sogar einmal in eine Zelle einsperren. Gut, dass ihn der Einschließer wieder herausgelassen hat. So konnte der Autor das damalige Drumherum um die Verbrechen recht authentisch beschreiben. Die Figuren und Fälle des Romans sind zwar fiktiv, allerdings hat sich Robert Brack an historischen Vorbildern orientiert. Zumeist jedenfalls, denn den Käppen Haase hat er dann doch so übernommen wie er in Anekdoten beschrieben wurde. Und so ist dann auch der eine oder andere Vorfall authentisch, ebenso wie die Orte der Handlung.

Fazit: Der gestreifte Affe ist sowohl ein spannender Krimi um kleine Ganoven und große Verbrecher des St. Paulis der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts, aber auch ein äußerst interessantes Sittengemälde, eine Beschreibung des Milieus des Vergnügungsviertels und der Lebensumstände jener Zeit. Jedes dieser miteinander verflochtenen Teile ist ein lesenswertes Stück – ob nun Geschichte oder Fiktion.

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Ich bedanke mich bei Robert Brack für die Auskünfte zu seinen Recherchen und zur Authentizität und den Details der Handlung. Ursprünglich wurde der Roman unter Bracks Pseudonym Virginia Doyle 2005 bei Heyne veröffentlicht. Seit 2015 iat er auch als E-Book erhältlich (Midnight/Ullstein)

 

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4 Antworten zu Robert Brack alias Virginia Doyle: Der gestreifte Affe

  1. meikesbuntewelt schreibt:

    Danke für diesen Hinweis. Das klingt so, als müsste ich das mal lesen.

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