Franz Dobler: Ein Bulle im Zug

P1020011Ist das nun Zugliteratur oder ein Krimi? Da Franz Dobler für diesen Roman mit dem Deutschen Krimipreis 2015 ausgezeichnet wurde, betrachte ich das Buch zunächst als Krimi.

Dabei fällt mir ein: Kennt jemand von Ihnen „Hurz“ von Hape Kerkeling? Wie diese Dame dort nach dem Vortrag sagt: „Auf mich wirkt es komisch. Ich kann damit nichts anfangen.“?

Der Sänger erklärt der Zuhörerin daraufhin, dass sie „wenig intellektuell“ sei. Genau so komme ich mir vor, wenn mir vorgegaukelt wird, dass ich mit Ein Bulle im Zug einen ausgezeichneten Krimi gelesen habe. Die Gaukler sind in diesem Fall nicht nur die Juroren, die das Buch auf Platz 1 des Deutschen Krimipreises gewählt haben, sondern auch all jene Literaturkritiker und Krimispezialisten, die diesen Roman in DIE ZEIT und an anderen Stellen mit ihrem „kriminellen Intellekt“ so hoch gelobt haben, dass ich mich verschämt zurückziehe, weil mir Kritiker und Spezialisten damit zeigen, wie beschränkt ich bin, weil ich das Werk nicht als ausgezeichneten Krimi verstehe.

Nun denn, der Kommissar Fallner (inzwischen hat auch DIE ZEIT gelernt, den Namen richtig zu schreiben*) wurde in die Wohnung einer Migrantenfamilie gerufen, in der ein Schuss abgegeben sein soll. Dort, mit dem Kollegen gerade angekommen, erschießt er den 18jährigen Sohn der Familie, als dieser eine Waffe zückt. Die Waffe wird allerdings nicht gefunden und Fallner darauf hin vom Dienst suspendiert. Ein übles Procedere von Untersuchungen der internen Revision und eine Psychotherapie beginnt für Fallner. Und als das so richtig im Gange ist, setzt dieser „Krimi“ ein. Fallner entzieht sich, indem er einen alten Kindheitswunsch verwirklicht. Er fährt mit dem Zug, eine Bahncard 100 2. Klasse in der Tasche kreuz und quer durch die Republik. Versucht dabei die Geschehnisse aufzuarbeiten, pendelt zwischen Vorfall und Heute, zwischen Alptraum, Selbstgespräch, realen und irrealen Erlebnissen, fährt dabei überwiegend Zug. In wilden Gedankensprüngen kann der Leser verfolgen, was den suspendierten Kommissar bewegt. Schwierig ist es, immer zu erkennen, auf welcher Ebene des Bewusstsein oder Unterbewusstseins sich Akteur Fallner bewegt. Zu schwierig für den gemeinen Krimileser, der in der Regel danach strebt zu erfahren, wer der Mörder ist, auch noch, warum ein Verbrechen begangen wurde. Ich schreibe nicht von den Lesern, die hier enttäuscht sein würden, weil keine Blutorgien oder Serienkillerwahn beschrieben werden, sondern ganz einfach von Krimilesern die schon einmal das Außergewöhnliche lieben, das aber noch verständlich sein soll.

Hatten nun die oben zitierten Experten die Absicht, ein literarischen Werk zu würdigen und wurde das Werk deshalb mit einem Preis bedacht und in Bestenlisten gewählt, so ist dies für mich nachvollziehbar. Diese Entscheidung ist dann jedoch nicht mehr „krimirelevant“.

Fazit: Ein beachtenswerter Roman, literarisch durchaus bemerkenswert, aber kein Krimi in dem Sinn, wie viele Krimi-Freunde ihn verstehen.

Und bleibt mir weg, liebe Experten, mit „Genre sprengend“ oder „transzendierend“ oder anderen „high sophisticated“ Schwärmereien.

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Erschienen 2014

Andere Meinungen: Peter Huber crimenoir , Roland Oßwald CULTURMAG

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* Krimi-Bestenliste November 2014

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2 Antworten zu Franz Dobler: Ein Bulle im Zug

  1. saetzebirgit schreibt:

    Oh, jetzt bin ich noch mehr gespannt – hab mir das Buch nämlich justament heute gekauft.

  2. zeilentiger schreibt:

    Ah, ein Freund klarer Abgrenzungen, lieber Philipp. 🙂

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